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Amarga presencia 1, Oil by Francisco De Goya (1746-1828, Spain)

Wer kennt sie nicht: Redensarten oder Redewendungen. Täglich werden sie gebraucht und mindestens einmal am Tag gehört. Vollkommen unabhängig von Situation oder Lebenslage. Auch zum Thema Haare sind einige Redensarten zu finden. Auffällig hierbei ist, dass die meisten in einem negativen Zusammenhang stehen. Um nur ein paar Beispiele zu nennen:

–          Sich in die Haare kriegen (In Streit geraten),

–          Das kann er sich in die Haare schmieren (das kann er behalten, darauf lege ich keinen Wert),

–          Haare auf den Zähnen haben (von schroffer, herrschsüchtiger, aggressiver Wesensart sein und sich auf diese Weise behaupten).1

In diesem Beitrag liegt das Augenmerk auf der Redewendung „Jemandem stehen die Haare zu Berge“. Auch hier ist eine negative Konnotation erkennbar. Diese Redewendung wird verwendet, wenn Schrecken oder Entsetzen zum Ausdruck gebracht werden sollen.
Im Alten Testament heißt es: „Und da der Geist an mir vorüberging, standen mir die Haare zu Berge an meinem Leibe.“2
Die Gebrüder Grimm hielten in ihrem „Deutschen Wörterbuch“ fest: „(…) entzetzen [sic!], schreck [sic!] und angst [sic!] machen, dasz [sic!] das haar [sic!] von der kopfhaut [sic!] sich emporhebt; es wird meist gesagt, das haar [sic!] geht zu berge [sic!], steht zu berge [sic!] (…).“3 Nun ist es nicht wirklich sichtbar, wenn jemandem die Haare zu Berge stehen, es ist vielmehr eine Metapher. Diese Metapher lässt sich über ein Gefühl des Schreckens oder der Trauer definieren. Dabei kommt es vor, dass sich betroffene Personen die Haare raufen und dadurch die Metapher verdeutlichen.4
Auch in der Antike sind bereits Redewendungen wie „sich die Haare raufen“ zu finden. So schreibt Ovid im sechsten Buch der Metamorphosen: „Als sie dann wieder zur Besinnung gekommen war, raufte sie ihr offenes Haar wie eine Trauernde, schlug sich klagend die Arme wund, streckte die Hände aus und sprach: (…).“5
An dieser Stelle ergibt sich die Frage, was macht das Haar so besonders, dass es für Redewendungen genutzt wird, die schon in der Bibel verwendet werden. Aus biologischer Sicht wird dem Haar eine Schutzfunktion zugeschrieben.6 Die bisher beschriebenen Redewendungen haben zwar immer mit Furcht, Schrecken und Trauer zu tun, jedoch raufen sich die Personen die Haare um eventuell Schutz zu bekommen. Das Motiv der gerauften Haare zieht sich durch die Literatur- und Kunstgeschichte von der Bibel bis zum Ende des 18. Jahrhunderts.7 Jemandem stehen die Haare zu Berge, das heißt jemand ist in höchstem Maß erschrocken.8 Es könnte ein Vergleich zu einer Katze gezogen werden, die, wenn sie erschrickt, ihre Haare sträubt. Dadurch signalisiert sie zum einen, dass sie Angst hat. Zum anderen versucht sie sich groß zu machen und sucht Schutz unter ihrem Fell.9
Auch in antiken Liebeskonzepten ist von zerzausten Haaren die Rede. Diese Liebeskonzepte beschreiben meist sogenannte Liebeskämpfe oder Vergewaltigungen. Das Gemälde von Francisco De Goya: „Amarga presencia“, (Des.13) (1810-14) zeigt ein solches Liebeskonzept sehr deutlich. Der brutale Griff ins Haar stellt die absolute Verfügbarkeit des weiblichen Körpers dar und das zerrissene Kleid könnte eine bevorstehende sexuelle Gewalttat andeuten.10

Beitrag von Tabea Nau

1 Duden – Redewendungen: Wörterbuch der deutschen Idiomatik, hrsg. von der Dudenredaktion. 2., neu bearbeitete und aktualisierte Auflage. Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich: Dudenverlag 2002, S. 305ff.
Die Bibel, Hiob 4,15.
3 Grimm (1854ff.), Bd. 4,2, Sp. 13.
4 Vgl. Christine Künzel: So soll sie laufen mit gesträubtem Haare… Zur Bedeutung der Auflösung der Frisur im Kontext der Darstellung sexueller Gewalt, in: Janecke, Christian: Haar tragen. Eine kulturwissenschaftliche Annäherung. Köln (u.a.): Böhlau 2004, S.125.
5 Vgl. ebd. S. 126.
6 Vgl. ebd. S. 127.
7 Vgl. ebd. S. 126.
8 Duden – Redewendungen: Wörterbuch der deutschen Idiomatik, a.a.O., S.305.
9 Vgl. Christine Künzel: So soll sie laufen mit gesträubtem Haare, a.a.O., S.127.
10 Vgl. ebd. S.134.

Bildquelle:
http://en.wahooart.com/@@/8EWGJ2-Francisco-De-Goya-Amarga-presencia-1, (zuletzt abgerufen am 22.06.2014).

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