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Zur Geschichte von Männerbärten und Frauenbärten: 

Bereits in der Steinzeit rasierten sich die Männer, damals noch mit scharfkantigen Feuersteinen oder Obsidianklingen. Seit Beginn der mittleren Bronzezeit wurden in Europa aber bereits spezielle Rasiermesser eingesetzt (Abb. 1).

Rasiermesser Bronzezeit

Abb. 1: Bronzenes Rasiermesser

Bärte wurden nicht immer glatt rasiert, jedoch gab es immer bestimmte Ideale, denen nachgeeifert wurde.

Der Ostgotenkönig Theodorich der Große war immer glatt rasiert. Der langobardische König Agilulf (591-616) trug einen Spitz- und einen Schnurrbart.
Im frühen Mittelalter waren die meisten Herrscher glatt rasiert, dies festigte sich im Hochmittelalter. Durch diese Mode des Rasierens, die aus Frankreich kam, entwickelte sich das Barbierhandwerk. Mitte des 12. Jahrhunderts wurde ein kleiner Bart in Nordfrankreich wieder Mode, jedoch war dieser altersabhängig. Im Spätmittelalter kamen zu kleinen Oberlippenbärten auch Kinnbärte. Erst im 17. Jhd. mit dem Aufkommen der langen Haartracht auf dem Kopf schrumpften die Bärte wieder, denn der Bart wurde als unpassend zu der lockigen Haarpracht angesehen.1

Als besondere Bedeutung des Bartes, galt zu mancher Zeit, auch der politische Ausdruck. Bestimmte Bartformen waren Beginn des 19. Jahrhunderts Ausdruck für politische Gesinnung.2 Auch in Ungarn galt dem Bart eine hohe Bedeutung. Der Schnurrbart war um das 19. Jhd. Nationalsymbol und diente der Klassensolidarität und der ethnischen Assimilierung, ungarische Männer konnten sich damit von Ausländern unterscheiden. Die Männerschaft des ungarischen Nationalstaats wurde auch unterstrichen, da es Frauen nicht möglich war einen Bart wachsen zu lassen. Der Schnurrbart war von jedem Stand und jeder Völkerschaft machbar.3

Über den historischen Hintergrund von Bärten bei Frauen ist weniger bekannt, dies könnte unter anderem daran liegen, dass die Entfernung des Bartes im Verborgenen statt fand.
Zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert schien die Entfernung von weiblichen Barthaaren als unnötig, dies verdeutlicht ein Porträt von Herzogin Magdalena (Abb. 2).

herzogin magdalena

Abb. 2: Pieter de Witte: Herzogin Magdalena von Bayern, Alte Pinakothek München

Es existierten jedoch bereits im Frühmittelalter Rezeptliteraturen zur Entfernung von störenden Haaren. Rezepte bestanden aus Zutaten wie Pflanzensäften, Schierlingssaft, Kalbsurin, Most, Hundeblut, Bilsenkraut oder Schwalbengalle.4

Auch in christlichen Heiligengeschichten galt der Bart bei Frauen nicht als Schönheitsideal. Die heilige Kummernus soll in einer Notsituation zu Gott gefleht haben, er möge ihr Gesicht entstellen, um nicht, wie von ihrem gottlosen Vater geplant, einen Heiden heiraten zu müssen. Sie bekam einen Bart und wurde gekreuzigt. In der griechischen Mythologie dagegen wird die Liebesgöttin Venus als Bärtige dargestellt, die jahrelang verehrt wurde.5
Die Geschichte des Bartes ist also keinesfalls einseitig. Männerbärte wurden lang, kurz, in den verschiedensten Formen getragen oder komplett entfernt. Auch der Frauenbart wurde nicht nur als störend und unästhetisch empfunden, so gab es Zeiten, in denen Frauen mit Bartwuchs besonders angesehen waren.
Heute leben ca. 3,5 Millionen Frauen mit Bartwuchs unter psychosozialem Druck ihrer Umwelt. Ihnen steht eine Entscheidung gegenüber, Entfernung der Haare oder sogar dauerhaft stehen lassen. Über Internetforen diskutieren Interessierte über Ursachen, Therapien und Kosmetik. Die Enthaarung bei Frauen ist zu einem lukrativen Geschäft geworden.6 Bärte bei Frauen gelten in der Gesellschaft oftmals als Abweichung und Anormalität und als Stigma des Zweigeschlechtlichens.
Ein aktuelles prominentes Beispiel zur Verdeutlichung von Androgynität ist Conchita Wurst (Abb. 3).

Conchita Wurst

Abb. 3: Conchita Wurst

Heute wird ein Bart bei Frauen häufig als Provokation genutzt. Eine provokative Bejahung des Damenbarts fand z.B. in den 1960er und 70er Jahren durch die Hippie- und Frauenbewegung statt.7

Frida Kahlo

Abb. 4: Frida Kahlo

In einer Zeit von glatt rasierten Beinen, Armen und Gesichtern findet dennoch ein besonderer Trend Platz. Der ,Moustache-Trend‘ (Abb. 5), den vor allem die Hipster geprägt haben. An Accessoires wie Ketten (Abb. 6), Armbändern und Ringen, sowie auf Kleidung, überall findet sich der Schnurrbart. Und wer keines dieser Dinge in der Nähe hat, malt sich mit Edding einen Moustache-Bart auf und hält ihn sich ins Gesicht.

mustache

Abb. 5: Moustache-Bart

mustache

Abb. 6: Moustache-Kette

Beitrag von Selina Groll/Redaktion

1 Frank Gnedel: Bart ab. Zur Geschichte der Selbstrasur. Köln: DuMont Verlag 1995, S.9-21.
2 Ebd.
Alexander Maxwell: „Der schöne magyarische schnurrbärtige, bärtige Mann“. Nationalisierte Gesichtshaare in Ungarn des 19. Jhd., in: Haare zwischen Fiktion und Realität. Interdisziplinäre Untersuchungen zur Wahrnehmung der Haare. Hg. v. Birgit Haas. Berlin: LIT Verlag 2008, S.180.
Frank Gnedel: Bart ab, a.a.O., S.121,128.
Malte Leyhausen: Damen mit Bart. Zwischen psychosozialem Druck und ästhetischer Performanz, in: Haare zwischen Fiktion und Realität, a.a.O., S.149.
Ebd. S. 148.
Suanne Regener: Bartfrauen. Fotografien zwischen Jahrmarkt und Psychiatrie, in: Annetee Keck, Nicolas Petzes (Hg.): Mediale Anatomien. Menschenbilder als Medienprojektionen. Bielefeld: transcript Verlag 2001, S. 81-86.

Abbildungen
Abb. 1: http://www.heimatmuseum.ebermannstadt.de/praehist.html (letzter Aufruf am 24.06.2014).
Abb. 2: http://img.posterlounge.de/images/wbig/pieter-de-witte-candid-herzogin-magdalena-von-bayern-1587-1628-223760.jpg (letzter Aufruf am 24.06.2014).
Abb. 3: http://cdn.salzburg.com/nachrichten/uploads/pics/2014-04/orginal/eurovision-song-contest-conchita-wurst-als-bondgirl-41-51776739.jpg (letzter Aufruf am 24.06.2014).
Abb. 4:  http://static.guim.co.uk/sys-images/Guardian/Pix/pictures/2013/9/17/1379429017488/Frida-Kahlo-008.jpg (letzter Aufruf am 24.06.2014).
Abb. 5: http://convirtiendote.pro/wp-content/uploads/2013/06/mustache.png (letzter Aufruf am 24.06.2014).
Abb. 6: http://24.media.tumblr.com/tumblr_ls17iiuSwV1qlolyqo1_400.jpg (letzter Aufruf am 24.06.2014).

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