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Frisuren als Protest: Punk-Frisuren.

Die Punkbewegung entstand in den späten 1970er Jahrenaus der englischen Arbeiterklasse heraus, lang bevor die Mode-, Musik- und Medienindustrie sie für sich entdecken sollte. Sie hatte ihre Anfänge in den Arbeitervorstädten der englischen Metropolen zu einer Zeit, in der in England die ,neue Armut‘ breite Teile der weißen Unterschicht erfasst hatte. Die daraus resultierende Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Zukunftsangst oder Langeweile brachte die jugendlichen Punks dazu, ihre Revolte in Form einer Anti-Mode am Körper auszudrücken.2

Die vorangegangene Hippiebewegung in den 1960er Jahren wird von den Punks buchstäblich auf den Kopf gestellt. Die Silhouette wandelt sich von einer weichen in eine harte und kontrastreiche. Das entspannte Hängenlassen von Kleidung und Haaren ist untersagt, sie müssen stehen, je steiler, desto besser.3 Ein wesentlicher Bestandteil im Leben eines Punks ist die Anarchie.4 Von Letzterem wird gesprochen, sobald jegliche Herrschaft von Menschen über Menschen abgelehnt wird.5 Punks sind also gegen Fremdbestimmung und von der Gesellschaft auferlegte Normen. Ein wichtiges Motto lautet: „Do it yourself“. Keine Jugendkultur zuvor hatte so viele eigene Bands, Medien (z.B. freies Radio) oder kreative Mode hervorgebracht und sich gleichzeitig dem üblichen kommerziellen Warenkreislauf entzogen wie der Punk.6 Punk definiert sich sehr stark über die Musik. Der Zusammenschluss verschiedenster Musiktraditionen, die oberflächlich unvereinbar erscheinen (z.B. Reagge und Rock), spiegelte sich auch in einem ähnlich zusammengewürfelten Modestil wieder. So wurde der Missklang auf der visuellen Ebene reproduziert.7 Bei dem Versuch, die eigene Subjektivität theatralisch darzustellen und die anarchistische Haltung hervorzuheben, steht bei den Punks die Zerstörung allgemein akzeptierter Verhaltens-, Reinheits-, Schönheits- und Hygieneideale im Vordergrund.8 Sie entindividualisieren ihre Gesichter unter anderem damit, dass sie ihre Haare abrasieren oder mit grellen Farben färben und zelebrieren damit nicht die Natürlichkeit des Körpers, sondern dessen Künstlichkeit.9 Dies kann genannte Perspektivlosigkeit und das Chaos auch im Bereich der Frisuren veranschaulichen.

In ihrem Bestreben gegen gängige Ideale zu revoltieren, griffen Punks zu Stilelementen aus verdrängten, mehrheitlich diskriminierten Kulturen. Als Beispiel ist der Irokesenschnitt zu nennen.10 Dieser verdankt seinen Namen den nordamerikanischen Indigenen (Irokesen).11 Er zeichnet sich dadurch aus, dass die Haare an den Seiten des Kopfes abrasiert werden, so dass in der Mitte des Kopfes, von der Stirn zum Nacken, ein Streifen Haare stehen bleibt. Die übrigen Haare werden dann individuell nach oben gestylt. Ein weiteres Frisuren-Beispiel ist die Punk-Pleitsche, steif hochstehende Haare, gehalten durch Vaseline, Spray oder Seife, die dem Dreadlock-Stil sehr nahe kommen12, sowie das Tragen von sogenannten Stachelhaaren.13

Abb. 1: Frau mit Stachelhaaren

Abb. 2: Irokesenschnitt mit Stachelhaaren

Letztere werden auch in Verbindung mit dem Irokesenschnitt getragen. Die Haare werden auffällig gefärbt: wasserstoffblond, blauschwarz, leuchtende Farben mit oder ohne Tupfer, aber auch eingearbeitete Symbole sind gängig.14 Bei der Auswahl der Symbole geht es um die Zerstörung als scheinheilig angesehener Tabus und Ideologien, beispielsweise das Hakenkreuz. Punks sind keine Neonazis, das Hakenkreuz stellt lediglich ein ironisches Stilmittel dar, um den Passanten/innen die Reaktion zu entlocken, die sie von ihnen vermuten.15 Ein weiteres Merkmal ist, dass die Frisuren von Männern und Frauen getragen werden. Sie sind somit geschlechtlich unspezifisch.16

Jede Subkultur etabliert aufgrund der Verbreitung durch Medien Trends, was zur Folge hat, dass es zu einer Entschärfung der provokativen Kraft einer Subkultur kommt.17 So wurde auch die Punkmode zum Mainstream und der Irokesenschnitt unter anderem zuletzt von Stars wie Rihanna oder Miley Cyrus aufgegriffen.

rihanna-irokesenschnitt

Abb. 3: Rihanna

Abb. 4: Miley Cyrus

Beitrag von Vanesa Brandes
1 Vgl. Karl-Heinrich Bette: Körperspuren. Zur Semantik und Paradoxie moderner Körperlichkeit. 2. Auflage. Bielefeld: transcript Verlag 2005, S. 125.
2 Vgl. Ebd., S.124.
3 Vgl. Ebd., S. 129.
4 Vgl. Dick Hebdige: SUBCULTURE. Die Bedeutung von Stil, in: Diedrich Diedrichsen, Dick Hebdige, Olaph-Dante Marx (Hrsg.): Schocker. Stile und Moden der Subkultur. Reinbek: Rowohlt Taschenbuchverlag 1983, S. 62.
5 Vgl. Peter Seyferth: Punk und Anarchismus: Ein seltsames Paar, in: Philipp Meinert, Martin Seliger (Hrsg.): Punk in Deutschland. Sozial- und Kulturwissenschaftliche Perspektiven. Bielefeld: transcript Verlag 2013, S.59.
6 Klaus Farin: Jugendkulturen in Deutschland (1950-89). Bonn: Bundeszentrale für Politische Bildung 2006, S. 103.
7 Vgl. Dick Hebdige: SUBCULTURE, a.a.O., S. 27-28.
8 Vgl. Karl-Heinrich Bette: Körperspuren, a.a.O., S.126.
9 Vgl. Ebd., S.127.
10 Vgl. Ebd. S. 128.
11 http://coepenicker-coiffeure.de/blog/irokesen-haarschnitt-6070.
12 Vgl. Dick Hebdige: SUBCULTURE, a.a.O., S.98.
13 Vgl. Ebd., S.106.
14 Vgl. Ebd., S. 98.
15 Vgl. Klaus Farin: Jugendkulturen in Deutschland, a.a.O., S. 99.
16 Vgl. Philipp Meinert, Martin Seeliger: Punk in Deutschland. Sozial und kulturwissenschaftliche Perspektiven.Eine Einleitung, in: Dies. (Hrsg.): Punk in Deutschland. Sozial- und Kulturwissenschaftliche Perspektiven. Bielefeld: transcript Verlag 2013, S. 48.
17 Vgl. Dick Hebdige: SUBCULTURE, a.a.O., S.86.

Abbildungen:
Abb. 1: www.frisuren2013.net/fotospunk2.html.
Abb. 2: www.maennerfrisuren.org/diesel-irokese/.
Abb. 3: www.fuersie.de/beauty/frisuren/galerie/rihannas-frisuren/page#8coutent-top.
Abb. 4: www.starflash.de/bildergalerie/undercut-miley-cyrus-454515.html.

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