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Hair Politics – Black Hair

Der ,Afro‘ ist ein besonders markantes Beispiel für das Thema Black Hair, das im Spannungsfeld von Frisur und politischer Aussage steht. Der inhaltlichen Aufladung dieses Themas soll hier nachgespürt werden.

Dabei stehen Hautfarbendiskurse im engen Kontext mit den Haardiskursen. Im 18. und 19. Jahrhundert entstehen Theorien, nach denen ,weiße‘1 Haut und glattes Haar als Ideal angesehen werden. Diese Attribute werden dabei hierarchisch über ,schwarzer‘ Haut und ,wolligem‘ Haar angesiedelt. Über die ,Rassenlehre‘ dieser Zeit legitimierten sich westliche Mächte, afrikanische Menschen als Sklaven zu deklarieren und sie, wie Tiere, zu ihrem Eigentum zu erklären.2 Diese rassistische Theoriebildung führt für sehr lange Zeit zu festgelegten Verbindungen zwischen Haut-/ Haarfarbe und gesellschaftlicher Stellung, die besonders die  ,schwarze‘ Bevölkerung in den USA auch zum Teil heute noch beeinflusst. Auf Grund von massiven Diskriminierungen entsteht ab Ende der 1950er und in den 1960er Jahren auf Seiten der ,schwarzen‘  Bevölkerung ein Auflehnen gegen die ,weiße‘ Vormachtstellung in den USA. Der ausgeprägte Trend zum Glätten der Haare, einer Anpassung an europäisches Haar, wird von einer Hinwendung zu afrikanisch konnotierten Attributen durchbrochen. Neben dem Tragen von Kleidungsstücken wie Tuniken und Dashikis, findet diese Gesinnung vor allem Ausdruck in einer Haarfrisur: dem Afro (Abb. 1).

Angela Davis

Abb. 1: Angela Davis

 

Der Afro ist eine mit Hilfe eines Kamms, dem ‚Afro comb‘ (Abb. 2), kreierte Rundfrisur. Hierzu führt Kobena Mercer in seinem Aufsatz „Welcome to the Jungle“ an:

„The ‚naturalness‘ of the Afro consisted in its rejection both of straightened styles and of short haircut: its distinguishing feature was the length of the hair. With the help of a pick or Afro-comb the hair was encouraged to grow upwards and outwards into its characteristic rounded shape.”3

Afro comb

Abb. 2: Afro comb

 

An dieser Stelle wird deutlich, dass die ‚Natürlichkeit’ des Afro nur eine konstruierte ist, da seine charakteristische Form nur mit Hilfsmitteln unter Zeitaufwand erreicht werden kann. Dennoch dient diese ‚Natürlichkeit‘ dem Zweck, eine Verbindung zu afrikanischen Traditionen zu schaffen und sich von europäisch geprägten Ansichten zu distanzieren.

In der Black Power-Bewegung werden Ziele, wie die Gleichberechtigung der Afro-Amerikaner_innen auf politischer und wirtschaftlicher Ebene, verfolgt und durchgesetzt. Die hiermit verbundene politische Aufladung der Frisur des Afro mit dieser Zielsetzung ist das Resultat einer gekonnten Inszenierung. Hierzu schreibt Carol Tulloch: „Self-image was fundamental to the success of Black Power.”4 Weiterhin führt sie an, dass die negative Belegung des krausen Haares, die mit dem Gefühl der Scham und Minderwertigkeit auf Seiten der ,schwarzen‘ US-Bevölkerung einhergeht, durch das Gefühl des Stolzes und der Erhabenheit ersetzt werden kann.5 Wichtigstes Utensil bei der Erarbeitung eines Afro ist der entsprechende Kamm. In den 1960er Jahren, so wird angenommen, tritt der ‚Afro comb‘ zum ersten Mal in den USA auf. Angelehnt ist seine Form an einen speziell in Ghana verorteten Ashanti Kamm (Abb. 3), der dort Ausdruck kultureller und sozialer Gegebenheiten innerhalb einer bestimmten Gruppe ist.

Ashanti comb

Abb. 3: Ashanti comb der Akan (Ghana)

 

Dieser wird außerdem in verschiedenen Ausführungen zum Symbol der Bürgerrechtsbewegung in den USA. Zwischen 1970 und 1980 erscheinen 13 verschiedene Modelle auf dem Markt, was für eine enorme Popularität des Afro zu dieser Zeit spricht.6 Das Tragen dieser Frisur ist in vielen Köpfen zwangsläufig mit einer politischen Aussage verbunden. Philipp Dorestal führt dazu aus: „Der Afro gilt schlechthin als das Emblem für die Black Power-Bewegung (…).“7 Somit geht mit dieser speziellen Haarfrisur auch eine gewisse Symbolik einher. Die durch die Black Panther Party an den Tag gelegte Radikalität und Gewaltbereitschaft wird ebenfalls zu einem Teil des Schwarzen Stolzes und somit zum Teil der Lesart des Afro.8 An dieser Stelle wird deutlich, dass nicht nur eine Konnotation mit einem Attribut, hier einer Frisur, gekoppelt ist, sondern durch sich verändernde Umstände, mehrere möglich sind. Auch der Afro fällt letztlich der Massenverbreitung zum Opfer, verbleibt aber nachhaltig als Zeichen für ein Aufbegehren gegen Rassismus, Diskriminierung und Unterdrückung.

Abschließend ist festzuhalten, dass das Haar im Laufe der Zeit immer wieder Symbolträger für gesellschaftlichen Stand, kulturelle Traditionen oder politische Aussagen ist und unterschiedlichsten Lesarten obliegt. Diese sind abhängig von den sozio-historischen Gegebenheiten und der regionalen Verortung und somit oft variabel.

Beitrag von Alexandra Zürbes

1 im Folgenden werden alle Begriffe durch einfache Anführungszeichen gekennzeichnet, die im Zuge der ‚Rassenlehre‘ mit stark negativen oder stark positiven Konnotationen subjektiv verbunden sind.
2 Vgl. Sarah Cheang: Roots: Hair and Race, in: Geraldine Biddle-Perry, Sarah Cheang (Hg.): Hair: Styling, Culture and Fashion. Oxford: Berg 2008. S .1,2, in: http://www.bergfashionlibrary.com/view/HAIR/HAIR0005.xml (zuletzt abgefragt am 16.06.2014).
3 Kobena Mercer: Welcome to the Jungle. New Positions in Black Cultural Studies, New York/London: Routledge, 1994. S. 106.
4 Carol Tulloch: Resounding Power of the Afro Comb, in: Geraldine Biddle-Perry, Sarah Cheang (Hg.): Hair: Styling, Culture and Fashion. Oxford: Berg 2008, S. 2, in: http://www.bergfashionlibrary.com/view/HAIR/HAIR0013.xml (zuletzt abgefragt am 16.06.2014).
5 Vgl. Ebd.
6
Vgl. Ebd. S. 3,4.

7 Philipp Dorestal: Style Politics. Mode, Geschlecht und Schwarzsein in den USA, 1943-1975, Band 4, Bielefeld: transcript 2012, S. 145.
8 Vgl. Ebd., S.148.

Abbildungsnachweise:
Abb. 1: Angela Davis, in: http://www.racismreview.com/blog/wp-content/uploads/2010/07/Angela-Y-Davis.jpg (zuletzt abgefragt am 16.06.2014).
Abb. 2: Afro comb, in:
http://i-glamour.com/hair-brushes-and-combs/afro-combs (zuletzt abgefragt am 16.06.2014).
Abb. 3: Ashanti comb der Akan (Ghana), in: http://www.creative-museum.com/sites/default/files/photos_objets/020a_A69-B.jpg (zuletzt abgefragt am 16.06.2014).

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