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„The socio-political implications of the female shaved head are complex and nuanced, with no single reading available at any given moment.“1

Das Scheren der Haare ist nicht erst seit Britney Spears oder Sinéad O’Connor eine symbolische Handlung, die beispielsweise mit Protest gegen die gesellschaftlichen Strukturen in Verbindung gebracht wird. Schon bereits sehr viel früher, während des Aufkommens des Christentums, später im Mittelalter und bis zu Zeiten des Nationalsozialismus im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, spielt das Abscheren des Haares eine große und bedeutungsvolle Rolle.

Vor allem im Mittelalter waren besonders Frauen von dem Abscheren der Haare, zur Reinigung und zum Austreiben von bösen Geistern, betroffen. Dazu heißt es in dem Buch Haare. Eine Kulturgeschichte der wichtigsten Hauptsache der Welt von Nina Bolt, dass Frauen, die als Hexen beschuldigt wurden, die Haare geschnitten wurden, um den bösen Geistern den Lebensraum zu nehmen.2 Die weiblichen Haare galten jedoch nicht nur als gefährliches Versteck für böse Geister, sondern die Art und Weise, wie Frauen ihr Haar trugen, zeigte an, welchen Familienstand sie hatten. Lediglich Jungfrauen durften sich mit offenem Haar in der Öffentlichkeit zeigen, in Anlehnung an die im Mittelalter übliche Darstellung der Jungfrau Maria mit offenem Haar.3 Der Anblick des Haares war dem Ehemann vorbehalten.4 Frauen, die sich trotzdem mit offenem Haar zeigten und sich so fälschlicherweise als Jungfrau ausgaben, wurden bestraft, indem ihr Haar abgeschoren wurde. Außerdem wurden jegliche sexuellen Vergehen von Frauen mit der Strafe für Ehebrecherinnen, dem Scheren des Kopfhaares, bestraft.5

Ein sehr populäres Beispiel für das Abscheren des Haares als Teil einer Strafe ist Marie Antoinette, die Frau König Ludwigs des XVI, des absolutistischen Herrschers des ,Ancien Régime‘. Die Mode am französischen Hof war sehr von der modebewussten Marie Antoinette beeinflusst. Charakteristische Merkmale der Mode waren die reichgeschmückten, turmartigen und sehr aufwendig gestalteten Frisuren. Besonders Marie Antoinette legte Wert auf ihr prunkvolles Haar, das später, während der Französischen Revolution zum Inbegriff von Konsum, Verschwendung, Exzess und Machtdarstellung wurde.6 Am 17. Oktober 1793 wurde Marie Antoinette mit gefesselten Händen und abgeschnittenem, weißen Haar auf einem Schinderkarren zum Schafott auf der Place de la Révolution gebracht, um enthauptet zu werden.7 Eine Bleistift- und Tintezeichnung von Jacques Louis David (Abb. 1) zeigt die entmachtete Marie Antoinette kurz vor ihrer Hinrichtung.

Das Abschneiden ihres Haars durch die Revolutionäre symbolisiert ihre Entehrung und Entmachtung und den Verlust ihres Status als Herrscherin Frankreichs.

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Abb. 1: Jacques Louis David: Marie Antoinette vor ihrer Hinrichtung, 16. Oktober 1793, Bleistift und Tinte, 15 x 10 cm, Louvre, Paris

Auch im 20. Jahrhundert wurden viele Frauen während des 2. Weltkriegs Opfer von Übergriffen, deren Ziel es war, Frauen durch das Abrasieren ihres Haars zu demütigen und zu bestrafen. Katholikinnen, die eine Beziehung mit evangelischen Männern oder britischen Soldaten eingingen, wurde von der Irish Republican Army zur Strafe das Haar abgeschnitten. Auch die Frauen aus den Ländern, die von Deutschland besetzt waren, wurden hart bestraft, wenn sie sich mit einem deutschen Soldat einließen. Sie wurden „Deutschmädchen“ oder „Soldatenflittchen“8 gerufen. Die Bestrafung bestand oft nicht nur aus dem Scheren der Haare, sondern die Opfer wurden entkleidet und mussten, zum Zeichen ihrer Schande, nackt durch die Stadt laufen. Diese brutale Bestrafung hatte eindeutig einen sexuellen Aspekt, der durch viele Übergriffe in Form von Berührungen der Brüste oder der Geschlechtsteile noch verstärkt wurde.9

Nina Bolt zitiert Charles Berg, der sinngemäß zu der Prozedur des Haarescherens sagt, sie komme einer Kastration nahe oder zumindest sei sie eine Art der Disziplinierung.10

Diese Definition trifft in den Fällen zu, bei denen durch das Scheren die Würde, Kraft und Sexualität des Opfers geschwächt werden sollten. Bei Gefangenen der Konzentrationslager während des Nationalsozialismus kommt diese Prozedur dieser Definition sehr nah, denn die Opfer sollten symbolisch kastriert und ihrer Ansichten wegen gestraft werden.11

Das Kurzschneiden des Haars von Nonnen und die Tonsur von Mönchen hängen zwar mit dem Versprechen zur Enthaltsamkeit zusammen, jedoch ist die Prozedur eher als Symbol für Gehorsam und für das Eingehen neuer Verpflichtungen zu sehen.12 Der Verzicht auf die Haarpracht ist eine Art Opfer, nämlich der Verzicht auf ein Teil des ,Ichs‘.

Ähnlich formuliert das Barbara Schrödl, die in dem Buch Haare zwischen Fiktion und Realität, über die Darstellung Elizabeth I. im Film Elizabeth das goldene Königreich aus dem Jahr 2007 schreibt. „In unserer Kultur wird das Haar […] eng mit der Person des Trägers oder der Trägerin verbunden. Das äußere Erscheinungsbild eines Menschen wird als Ausdruck seiner Persönlichkeit interpretiert.“13 Wie sich die Veränderung einer Frisur auf die Trägerin und deren Persönlichkeit und Rolle auswirkt, wird im Folgenden deutlich.

Königin Elizabeth regierte von 1558 bis 1603 als Königin von England. Der Film zeigt auf eindrucksvolle Weise die Verwandlung der jungen, zarten und leidenschaftlichen Elizabeth zur machtvollen Herrscherin Englands. Diese Wandlung wird besonders durch ihr Haar symbolisiert.

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Abb. 2: Szene aus dem Film Elizabeth – Das goldene Königreich. 2007. Regie: Shekhar Kapur.

Elizabeth wird anfangs mit langen, rotblonden Haaren in Umarmung mit einem jungen Mann gezeigt (Abb. 2). Ihr langes Haar wird hier als Zeichen für ihre weibliche Erotik und ihre Liebe gegenüber einem Mann gebraucht.14 Im weiteren Verlauf des Films scheitert ihre Liebe. Ihre Kleidung wird steifer, was sich durch das Tragen eines Korsetts abbildet.

In einer emotionalen Szene schneiden ihre Kammerzofen, auf ihren Wunsch hin, ihr langes Haar ab.

 

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Abb. 3: Screenshot aus dem Trailer des Films Elizabeth – Das goldene Königreich. 2007. Regie: Shekhar Kapur.

Abbildung 3 zeigt Elizabeth mit kurz geschnittenem Haar und Tränen in den Augen. Dieser Akt ist Teil ihrer Verwandlung. Im Folgenden trägt sie nun eine rote Perücke, deren kleine strenge Locken eng am Kopf anliegen (Abb. 4).

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Abb. 4: Szene aus dem Film Elizabeth – Das goldene Königreich. 2007. Regie: Shekhar Kapur.

Diese Wandlung der äußeren Gestalt bezeichnet Barbara Schröfl als „Bruch“.15 Die Königin macht nun einen sehr starren und steifen Eindruck, was durch ihr weiß geschminktes Gesicht noch verstärkt wird. Die Verwandlung von der jungen, zarten und „lebensfrohen Prinzessin“16 zur mächtigen und würdevollen Königin ist vollzogen.

Weshalb war dieser Wandel nötig? Barbara Schrödl erklärt dazu, dass die erotische und liebende Frau nicht mit der Rolle der erfolgreichen Herrscherin in Einklang gebracht werden kann. Elizabeth verzichtet daher auf ihr Haar als Symbol ihrer weiblichen Erotik, um die Rolle der Herrscherin einnehmen zu können. In die heutige Zeit übertragen, impliziert die Darstellung der Elizabeth im Film, dass Machtausübung beziehungsweise die Karriere einer Frau nur möglich sind, wenn sie auf wesentliche Aspekte in ihrem Privatleben verzichtet.17

Die Wandlung der dargestellten Elizabeth zeigt ihre zwar freiwillige, aber doch gezwungene Unterordnung unter starre gesellschaftliche Regeln.

Heute stellen sich Frauen oft gegen diese starren und alten gesellschaftlichen Strukturen was die Hausfrau- und Mutterrolle angeht und entscheiden sich ebenfalls für Beruf und Karriere. Die bereits erwähnte Popsängerin Britney Spears erreicht durch ihre abrasierten Haare, dass die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit sehr auf sie und ihre Karriere gerichtet wird. Wie in dem eingangs aufgeführten Zitat, kann ein geschorener Frauenkopf auf unterschiedliche Weise interpretiert werden und auf verschiedene Motivationen zurückgeführt werden.

Das Scheren des Haars kann also sowohl Protest als auch Strafe bedeuten. Das Haar wird in jedem Fall als ausdrucksstarkes symbolisches Mittel gebraucht, das mit dem Inneren des Menschen eng in Verbindung steht und die Person zu verändern vermag.

Beitrag von Damaris Rief

1 The Bald Woman in Mass Culture, in: http://thecolonic.blogspot.de/2007/12/bald-womanin-mass-culture.html.
2 Vgl. Nina Bolt: „Hexen, Huren und Soldatenflittchen – Über das Haareschneiden als Strafe“, in: (Dies.): Haare. Eine Kulturgeschichte der wichtigsten Hauptsache der Welt. Bergisch Glasbach: Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG. 2001. S. 169 – 182. Hier S. 172/173.
3 Vgl. ebd. S. 174.
4 Vgl. ebd. S. 177.
5 Vgl. ebd. S. 173.
6 Vgl. Beatrice Hermanns: „Mode“, aus: Medien und Kommunikation, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/2613/.
7 Vgl. Evelyne Lever: „Sic transit…“, in: (Dies.): Marie Antoinette. Eine Biographie. Zürich: Benzinger. 1992. S. 524.
8 Ebd. Nina Bolt: „Hexen, Huren und Soldatenflittchen – Über das Haareschneiden als Strafe“, a.a.O. S. 169 – 182. Hier S. 178.
9 Vgl. ebd. S. 179.
10 Vgl. Nina Bolt: Rites de passage – Über das Haareschneiden als Initiationsritus, a.a.O. S. 183 – 198. Hier S. 183.
11 Vgl. ebd.
12 Vgl. ebd. S. 184.
13 Barbara Schrödl: „Abschied vom Haar. Das Scheren weiblicher Köpfe als Übergangsritual in einem Historienfilm der 1990er Jahre“, in: Birgit Haas (Hg.): Haare zwischen Fiktion und Realität. Interdisziplinäre Untersuchungen zur Wahrnehmung der Haare. Kulturwissenschaft Bd. 17. Berlin, Münster: LIT. 2008. S. 266 – 281. Hier S. 267.
14 Vgl. ebd. S. 275.
15 Ebd. S. 267.
16 Ebd.
17 Vgl. ebd. S. 280.

Quellen:
Nina Bolt: Hexen, Huren und Soldatenflittchen – Über das Haareschneiden als Strafe, in: Dies.: Haare. Eine Kulturgeschichte der wichtigsten Hauptsache der Welt. Bergisch Glasbach: Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG. 2001.
Nina Bolt: Rites de passage – Über das Haareschneiden als Initiationsritus, in: Dies.: Haare. Eine Kulturgeschichte der wichtigsten Hauptsache der Welt. Bergisch Glasbach: Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co. KG. 2001.
Beatrice Hermanns: Mode, aus: Medien und Kommunikation, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/2613/ (Letzter Zugriff am 13.06.14).
Evelyne Lever: Sic transit…, in: (Dies.): Marie Antoinette. Eine Biographie. Zürich: Benzinger. 1992.
Barbara Schrödl: Abschied vom Haar. Das Scheren weiblicher Köpfe als Übergangsritual in einem Historienfilm der 1990er Jahre, in: Birgit Haas (Hg.): Haare zwischen Fiktion und Realität. Interdisziplinäre Untersuchungen zur Wahrnehmung der Haare. Kulturwissenschaft Bd. 17. Berlin: LIT. 2008.
The Bald Woman in Mass Culture, in: http://thecolonic.blogspot.de/2007/12/bald-womanin-mass-culture.html (Letzter Zugriff am 13.06.14).

Abbildungen:
Abb.1: http://whatwouldmarieantoinettedo.files.wordpress.com/2010/12/images-1.jpg (Letzter Zugriff am 13.06.14).
Abb.2:http://images3.cinema.de/imedia/0254/1660254,tLmch_TO9w6b3b1LveSr9bke6mKyYFU4upoYQPxxlojUuQZpM6LPlArm0UA5ENB2KSQKrAPtYcJjzPcJVNgyTw==.jpg“>http://images3.cinema.de/imedia/0254/1660254,tLmch_TO9w6b3b1LveSr9bke6mKyYFU4upoYQPxxlojUuQZpM6LPlArm0UA5ENB2KSQKrAPtYcJjzPcJVNgyTw==.jpg(Letzter Zugriff am 13.06.14).
Abb. 3: www.youtube.com/watch?v=DyGBwrtIamw&feature=kp“>http://www.youtube.com/watch?v=DyGBwrtIamw&feature=kp (2:18) (Letzter Zugriff am 13.06.14).
Abb.4:http://31.media.tumblr.com/tumblr_lu7ag13Lgr1qkvrpzo1_500.jpg“>http://31.media.tumblr.com/tumblr_lu7ag13Lgr1qkvrpzo1_500.jpg   (Letzter Zugriff am 13.06.14).

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