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Haare stehen nicht nur in religiösen Darstellungen in engem Bezug zur Macht, auch Herrscher und Könige trugen Bärte und lange wallende Haare. Die häufigste bildliche Interpretation von Jesus Christus zeigt ihn mit langem gewelltem Haar. Dies soll auf das Vera Icon1, das Schweißtuch der heiligen Veronika, zurück zu führen sein.
Die Geschichte von Delila und Simson ist eine tragische. Die Haare Simsons haben hier eine ganz zentrale Rolle inne. „Danach gewann er (Simson) ein Mädchen lieb im Tal Sorek, die hieß Delila.“ So steht es im Buch der Richter (16,4). Delila war eine Komplizin der Philister, welche dem großen Herrscher Simson feindlich gesinnt waren. Delila sollte als Lockvogel herausfinden, worin seine scheinbare Unbesiegbarkeit bestand. Auch wenn bisher nichts den großen Herrscher besiegen konnte, einer Frau gelang es in dieser biblischen Geschichte den Mann zu betören. Mehrfach konnte er ihr widerstehen, bis er doch auf einmal einen schwachen Moment verspürte und zu ihr sagte: „Es ist nie ein Scherenmesser auf mein Haupt gekommen, denn ich bin ein Geweihter Gottes (…). Wenn ich geschoren würde, so wiche meine Kraft von mir“ (Ri, 16/16-21). Als er erschöpft in ihrem Schoß einschlief, rief sie nach einem Mann, der ihm seine Locken abschnitt und ihn somit entmachtete. Die Philister konnten ihn bezwingen und stachen ihm zusätzlich noch die Augen aus.2
Die wohl berühmteste künstlerische Darstellung ist die von Rembrandt (Abb. 1), das Gemälde wird heute im Frankfurter Städel Museum aufbewahrt. Hier wird allerdings die Blendung in den Fokus des Geschehens gerückt, nicht das Abschneiden der Locken.

17 REMBRANDT SIMSON UND DELILA 3

Abb. 1: Rembrandt van Rijn: Die Blendung Simsons, 1636, Öl auf Leinwand, 205 cm x 272 cm, Städel Museum Frankfurt

Simson, der scheinbar Unbesiegbare, der sogar ausgewachsene Löwen mit den bloßen Händen besiegt, wird kraftlos durch den Verlust seines Haars. Interessant ist auch, dass sich die Zuwendung Gottes scheinbar mit dem abgeschnittenen Haar verliert. Erst als die Haare wieder nachgewachsen waren, kehrten das Wohlgefallen Gottes und die Stärke Simsons zu ihm zurück.3
Die Haare sind in dieser Erzählung Symbol für Stärke, Kraft und die Zuwendung Gottes. Fast schon mystisch wird hier das Haar inszeniert. Das Abschneiden der Haare ist ein bekanntes Symbol für die Entmachtung. Antiken Sklaven wurden oftmals die Köpfe kahl geschoren, und viele Krieger besiegelten auch symbolisch ihren Triumpf, indem die Unterlegenen einer Rasur unterzogen wurden. Heutzutage muss ein mächtiger Mann oder sogar ein König keine langen Haare mehr haben, um als machtvoll zu gelten. Prinz William oder andere Prominente wie z.B. Bruce Willis oder Vin Diesel stellen gekonnt ihre nicht mehr ganz so füllige Kopfbehaarung zur Schau und büßen dadurch nichts an Charme oder Sexappeal ein. Auch, dass lange Haare ein Zeichen für Männlichkeit sind, ist heute nicht mehr zwingend. Zwar ist in den letzten Jahren eine Tendenz zu männlichen Langhaarfrisuren und Vollbärten zu verzeichnen, allerdings hat dies lediglich modische Gründe.
Im Zeitalter postulierter Metrosexualität (Ende 1990er, Anfang 2000) haben Stilikonen wie David Backkam den gut frisierten und glatt rasierten Mann verkörpert. Die aktuellen langen Haare und vollen Bärte (vor allem der Hipster) sind also wieder die modische Gegenantwort auf diese Stilepoche.

Beitrag von Julia Kaluza
1 Näheres zum Vera Icon siehe u.a. Morello und Gerhard Wolf, Mailand 200, Christiane Kruse, Vera Icon-oder die Leerstellen des Bildes, in: Quel corps?, hg.v. Hans Belting u.a., München 2002, S. 105-129.
2 Vgl. Christine Vogt: Hair! Das Haar in der Kunst, Bielefeld/Berlin: Kerber Verlag, 2013, S. 33.
3 Ebd., S. 25.

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