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das Haupt der Medusa

Abb.1: Peter Paul Rubens: Das Haupt der Medusa, 1617/18.

„[…] sie ringeln sich und fließen herab und ihre langen Strähnen rollen sich ineinander und in endlosen Verflechtungen zeigen sie ihren metallischen Glanz […]“1

Hierbei handelt es sich nicht um das Werbeversprechen eines Pflegeproduktes für lockiges Haar, sondern um Zeilen aus einem Gedicht von Percy Bysshe Shelley von 1819. Er beschrieb darin ein Gemälde der Medusa bzw. den Schrecken, den er beim Betrachten empfand. „Das ist die stürmische Anmut des Schreckens […]“2 schrieb er weiter und brachte damit die scheinbar nicht zu vereinbarenden Kategorien der meisten Medusa-Darstellungen auf den Punkt:

  • Schön und Hässlich, denn die schöne Medusa wird als abgeschlagenes Haupt, mit entsetzten oder fratzenähnlichen Gesichtszügen und mit Schlangenhaar dargestellt und dadurch entstellt.
  • Leben und Tod, weil das tote Haupt durch seine Gesichtszüge noch lebendig wirkt und es durch seinen Anblick tötet, ohne selbst zu leben. Zudem werden die Schlangen auf dem toten Haupt oft lebendig und sich windend gezeigt.
  • Mensch und Tier werden durch die Darstellung der Schlangenhaare, die aus Medusas Kopf wachsen zu einer Einheit verbunden.3
Medusa

Abb.2: Gian Lorenzo Bernini: Medusa, 1644-1648.

Der Mythos der Medusa

Die Medusa ist eine Figur aus der griechischen Mythologie.4 Mit ihren beiden Schwestern gehörte sie zu den drei Gorgonen. Medusa soll wunderschön gewesen sein und mit ihrem besonders schönen Haar soll sie Poseidon im Tempel der Athene verführt haben. Darüber hinaus soll sie behauptet haben, sie selbst sei schöner als Athene. Athene bestrafte Medusa dafür, indem sie ihr Haar, das schließlich den Anlass zum Streit gab, in Schlangen verwandelte und sie zum Monstrum machte, durch dessen Anblick der Betrachter versteinerte. Diese Wirkung hatte sie nicht nur auf Menschen, sondern auch auf Tiere und Pflanzen. Vögel sollen im Flug erstarrt und vom Himmel gefallen sein, ebenso versteinerten sie ganze Völkerschaften zu Marmorstatuen.

Perseus trennt Medusa den Kopf ab

Abb. 3: Pietro Aquila: Perseus trennt den Medusenkopf ab, 1675-1680.

Der Mythos von Perseus und Medusa

Perseus war der Sohn von Danaë und Zeus. Der König der Insel Polydektes umwarb Danaë, doch Perseus stand ihm im Weg. Polydektes gab vor, Hippodameia heiraten zu wollen, um Perseus zu täuschen. Da Perseus kein Geld für ein Hochzeitsgeschenk hatte, schlug er leichtfertig vor, stattdessen das Haupt der Medusa zu holen. Polydektes sah darin seine Chance, Perseus loszuwerden, schließlich hatte bis dahin niemand die Begegnung mit den Gorgonen überlebt. Perseus organisierte sich für seine Reise zu den Gorgonen Flügelsandalen, mit denen er fliegen konnte, eine Tarnkappe, die ihn unsichtbar machte, einen Beutel für das Haupt und ein Schwert. Bei den Gorgonen angekommen, fand Perseus diese schlafend vor, doch ihm war bekannt, dass ihr Anblick trotzdem tödlich war. Er benutzte sein spiegelndes Schild, um den direkten Anblick zu vermeiden, denn das Spiegelbild im Schild hatte nicht die versteinernde Macht der Gorgonen und er konnte der Medusa den Kopf abschlagen. Eine andere Version beschreibt, er habe göttlichen Beistand in Gestalt des Hermes und der Athene gehabt, demnach hätte Perseus die Medusa über das Spiegelbild im Schild der Athene betrachtet (Abb. 3). Perseus packte den Kopf der Medusa in den Beutel und konnte Dank seiner Tarnkappe vor Medusas erwachten Schwestern fliehen. Die Macht des abgetrennten Hauptes blieb jedoch erhalten, sodass Perseus seine Gegner fortan zu Stein erstarren lassen konnte. Das Haupt gab er nach seiner Rückkehr Athene, die dieses auf ihrem Schild anbrachte, das auch Gorgoneion genannt wird (Abb. 4). Auf diese Weise machte sich die Athene die Macht, die sie der Medusa durch ihre Verwandlung gab, selbst zunutze.

Pallas Athene

Abb. 4: Jacopo Caraglio: Pallas Athene, 1526.

Die Darstellung der Medusa

Die Medusa wird in der Kunst unterschiedlich dargestellt. Auf vielen Darstellungen der Medusa bzw. ihres Kopfes ist ihr Entsetzen oder die Wut im Moment der Enthauptung deutlich erkennbar. Scheinbar hat der Schrecken über ihr eigenes Spiegelbild bzw. ihren nahenden Tod sie erstarren lassen, sodass ihr totes Haupt noch lebendig wirkt. Medusa, die zuvor alles Leben wie eine Künstlerin in Statuen verwandelte, wird nun selbst zum starren Kunstwerk.

In der Antike wird sie oft als schockierend hässliches Monstrum mit aus dem Mund ragenden Eber-hauern, Flügeln, Schlangenhaaren und fratzenähnlichen Gesichtszügen dargestellt und gleicht eher einem Tier als einem Menschen (Abb. 5).5 Seit etwa dem 5. Jht. v. Chr. bekamen die Darstellungen der Medusa menschliche und weibliche Formen; die Flügel verschwanden, doch die Schlangenhaare sind meistens geblieben.6 Die Gesichtszüge der Medusa schwanken in diesen Darstellungen von leidend (Abb. 2) über zornig (Abb. 4) bis hin zu entsetzt (Abb. 1).

Medusa- 6. Jht.

Abb. 5: Anonym: Medusa mit Pegasus, 6. Jht. v. Chr.

In neuerer Zeit wurde das Motiv der Medusa auch in dem Logo des Mode-Labels Versace aufgegriffen. Jedoch ähnelt das Versace-Logo nicht einer erschreckenden Version der Medusa, sondern dem ebenmäßigen schönen Gesicht der Medusa Rondanini (Abb. 6). Beide zeigen einen Frauenkopf mit gewelltem Haar, aus dem zwei kleine Flügel wachsen, und unter dem Kinn ist ein Knoten angedeutet, der bei der Medusa Rondanini Schlangen darstellen soll.7

Anlässlich seines 25. Jubiläums im vergangenen Jahr (2013) zeigte sogar die britische Ausgabe des Magazins GQ auf ihrem Cover die Sängerin Rihanna als Medusa (Abb. 7). Diese schöne Medusa soll jedoch die Betrachter nicht in ihren Bann ziehen, um sie zu versteinern, sondern verführt sie zum Kauf des Männermagazins.

Medusa + Versace-Logo

Abb. 6: Anonym: Medusa Rondanini, um 440 v. Chr.(Kopie) und das Versace-Logo.

GQ-Titelbild

Abb. 7: Rihanna auf dem britischen GQ-Cover.

Beitrag von Claudia Wolfart

1 Mario Praz: Liebe, Tod und Teufel. Die schwarze Romantik, München: Carl Hanser Verlag, 1963, S. 33.
2 Werner Hofmann: Zauber der Medusa, Wien: Löcker Verlag, 1987, S. 16.
3 Vgl. ebd., S.139.
4 Diese Mythen sind sehr alt und es gibt zahlreiche abweichende Varianten, ich beziehe mich in diesem Beitrag auf folgende Quelle: Hans-K. und Susanne Lücke: Antike Mythologie. Ein Handbuch. Der Mythos und seine Überlieferung in Literatur und bildender Kunst, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuchverlag GmbH, 1999.
5 Vgl. Hans-K. und Susanne Lücke: Antike Mythologie, a.a.O., S. 548f.
6 Vgl. Ebd., S. 549.
7 Vgl. Ebd. Literatur: Werner Hofmann: Zauber der Medusa. Wien: Löcker Verlag, 1987. Hans-K. und Susanne Lücke: Antike Mythologie. Ein Handbuch. Der Mythos und seine Überlieferung in Literatur und bildender Kunst, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuchverlag GmbH, 1999. Mario Praz: Liebe, Tod und Teufel. Die schwarze Romantik, München: Carl Hanser Verlag, 1963.

Abbildungen:
Titelbild: http://2.bp.blogspot.com/-ZyLXrJgBPIQ/Um5R8R84rwI/AAAAAAAABr8/aEGTxc74Ocw/s1600/tumblr_mvad5ovqI61r607aso1_1280.png.
Abb.1: Peter Paul Rubens: Das Haupt der Medusa, 1617/18, Öl auf Leinwand, 68,5 x 118 cm, Wien, Kunsthistorisches Museum. http://de.wikipedia.org/wiki/Medusa#mediaviewer/Datei:Rubens_Medusa.jpeg-.
Abb.2: Gian Lorenzo Bernini: Medusa, 1644-1648, Marmor, 68 cm hoch, Rom, Musei Capitolini. http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/95/Medusa_by_Bernini.jpg.
Abb. 3: Pietro Aquila: Perseus trennt den Medusenkopf ab, 1675-1680, Kupferstich, 28,0 x 52,0 cm, National Gallery of Victoria, Melbourne. http://www.ngv.vic.gov.au/col/work/34348.
Abb. 4: Jacopo Caraglio: Pallas Athene, 1526, Kupferstich, 21,1 x 10,8 cm, Wien, Albertina. http://1.1.1.5/bmi/www.britishmuseum.org/collectionimages/AN00056/AN00056453_001_l.jpg.
Abb. 5: Anonym: Medusa mit Pegasus, 6.Jhd. v. Chr., Stein-Schnitzerei, Syrakus, museo archeologico nazionale. http://worldimages.sjsu.edu/Obj18254?sid=43778&x=8972526.
Abb. 6: Anonym: Medusa Rondanini, um 440 v. Chr.(Kopie), Parischer Marmor, München, Glypto-thek. http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/59/Rondanini_Medusa_Glyptothek_Munich_252_n2.jpg Versace- Logo: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/en/7/75/Versace_logo.png.
Abb. 7: Cover der britischen GQ vom Oktober 2013 http://www.gq-magazin.de/unterhaltung/gq-frauen/rihanna-als-medusa-auf-dem-britischen-gq-cover.

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