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Haaren kommt in verschiedenen Religionen eine große Bedeutung zu, denn Haare versinnbildlichen Lebenskraft, weltliche Macht ebenso wie magische Kraft und körperliche Stärke. Laut Svetlana Balabanova sind die Haare der Sitz der Seele.1An der biblischen Geschichte von Simson und Delilah ( Ri 16,19) wird ersichtlich, dass die Haare als Sitz der Seele, des Lebens und der Kraft betrachtet werden.2 „Deliah ließ Simson auf ihren Knien einschlafen, [rief einen Mann] und schnitt dann die sieben Locken auf seinem Kopf ab. So begann sie ihn zu schwächen und seine Kraft wich von ihm.“3 Simson hatte aber nicht nur physisch große Kräfte, sondern stellte auch eine Verbindung zu Gott dar. Diese Verbindung wurde durch das Abschneiden der Locken unterbrochen.4

religiöse bedeutung von Haaren

Abb. 1: Dieses Bild einer Frau verdeutlicht, welch ein wichtiges Symbol mit Haaren im Islam in Verbindung gebracht wird.

Im islamischer Lehre kann ein Muslim durch Pflege und Achtung seines Körpers auch seelische Reinheit erreichen, durch körperliche Reinheit wird diese erst möglich:5 „Als Teil des Körpers nimmt Haar eine zentrale Rolle im muslimischen Verständnis von Reinlichkeit als Voraussetzung für seelische Reinheit ein.“6 In vielen muslimischen Kulturen ist ein langer Bart ein Zeichen von (männlicher) Religiosität, und das Tragen eines Hijab (Kopftuch) ist ein sehr wichtiges Symbol weiblicher Frömmigkeit (Abb. 1).7 Frauke Matthes dazu: „Weibliche Sexualität darf nicht ‚ungezügelt‘ sein oder zur Schau gestellt werden; sie wird stattdessen versteckt und streng kontrolliert. Es scheint so, als ob weibliches Haar Männer umgarnen und körperlich einschließen könne.“8 Innerhalb der Familie, einem Teil der Verwandtschaft und unter Frauen darf sich eine muslimische Frau jedoch auch ohne Kopftuch zeigen.9 „Doch auch Haarwuchs und die sich dem anschließende rituelle Rasur wie auf der Hadsch sind eng an die Religion des Islam gebunden.“10 Die Autorin betont: „Die Haarentfernung beschränkt sich allerdings auf das Schamhaar bzw. Haar an Armen und Beinen und sollte nicht das Gesichtshaar einschließen. So könnten, laut einer konservativ-traditionellen Ansicht von Islam, wohl geformte Augenbrauen als attraktiv und aufreizend wirken.“11 Das Schamhaar und die Vorhaut von Jungen müssen entfernt werden, um die körperliche Reinlichkeit zu bewahren.12

Doch nicht nur im Islam wird weibliche Schönheit, die man auch mit dem Haar gleichsetzt, verdeckt, orthodox-konservative Gruppen im Judentum geben verheirateten Frauen sogar vor, sich den Kopf zu rasieren, um die Begierde des Mannes zu unterbinden.13 Im jüdischen Ritus bei der Verheiratung der Frau und im katholischen Ritus bei Eintritt ins Kloster wurden lange Zeit die Haare als Zeichen der Unterwerfung abgeschnitten.14 Im frühen Christentum wurden Kindern bei der Taufe ebenfalls die Haare geschnitten und auf den Altar gelegt – als Zeichen der Weihe an den Gekreuzigten.15 Ähnliches vollziehen Mönche, indem sie sich als Zeichen der Keuschheit eine Tonsur rasieren.16 17 Eine Tonsur ist eine kreisrund geschorene Stelle auf dem Oberkopf (Abb. 2).

tonsur

Abb. 2: Auf diesem Bild ist ein Mönch dargestellt, der seine Keuschheit durch eine Tonsur zu erkennen gibt.

Im Judentum unterliegt vor allem die Haar- und Barttracht von jüdischen Männern religiösen Normen.18 Schläfenlocken (Abb. 3) dürfen nicht komplett entfernt werden, aber sie haben hinsichtlich der Haarmenge und der Haarlänge unterschiedliche Traditionen ausgebildet.19 Auch im Judentum erfüllen Kopfbedeckungen eine wichtige Funktion religiöser Zugehörigkeit. Männliche Gläubige tragen ein kleines rundes Käppchen (hebr.: Kippa und jidd.: Jarmulke), das am Hinterkopf aufliegt.20 Frauen im Judentum verbergen zwar ihre Haare im Alltag normalerweise nicht, aber viele halten an der Konvention fest, in der Synagoge eine Kopfbedeckung zu tragen.21

schläfenlocke

Abb. 3: Auf diesem Bild wird durch die deutlich erkennbare Schläfenlocke des Jungen deutlich, welcher Konfession er angehört: Judentum.

Beitrag von Sabrina Hofmann

Svetlana Balabanova: …aber das Schönste an ihr war ihr Haar, es war rot wie Gold… – Haare im Spiegel der Kultur und Wissenschaft, Ulm: Universitätsverlag 1993, S.11.
Ebd., S. 29.
Deutsche Bibelgesellschaft: http://www.die-bibel.de/bibelstelle/Ri%2016/EUE/ (letzter Zugriff am 09.07.14).
Svetlana Balabanova: …aber das Schönste an ihr war ihr Haar, es war rot wie Gold…, a. a. O., S. 29.
Vgl. Frauke Matthes: „Die Sauberkeit kommt vom Glauben“: Körperrasur, Reinheit und Islam in Emine Sevgi Özdamars Das Leben ist eine Karawanserei und Feridun Zaimoglus Leyla, in: Birgit Haas (Hg.): Haare zwischen Fiktion und Realität – Interdisziplinäre Untersuchungen zur Wahrnehmung der Haare, Bd. 17, Berlin: Lit Verlag 2008, S. 166-179, hier S. 166-168.
Ebd.
Geraldine Biddle-Perry, Sarah Cheang: http://www.bergfashionlibrary.com/view/bewdf/BEWDF-v10/EDch10311.xml?q=Powdered%20wig%20&isfuzzy=no#highlightAnchor.
Frauke Matthes: „Die Sauberkeit kommt vom Glauben“, a. a. O.
http://www.dmk-darmstadt.de/content/warum-tragen-muslimische-frauen-ein-kopftuch, letzter Zugriff am 6.6.2014.
10 Frauke Matthes: „Die Sauberkeit kommt vom Glauben“, a. a. O.
11 Ebd.
12 Vgl. Ebd.
13 Daniela F. Mayr, Klaus O. Mayr:  Von der Kunst, Locken auf Glatzen zu drehen, Frankfurt am Main: Eichborn Verlag, 2003, S. 107.
14 Vgl. Svetlana Balabanova: …aber das Schönste an ihr war ihr Haar, es war rot wie Gold…, a. a. O., S. 27.
15 Vgl. Ebd.
16 Vgl. Ebd., S. 29.
17 Vgl.Daniela F. Mayr, Klaus O. Mayr:  Von der Kunst, Locken auf Glatzen zu drehen, a.a.O., S. 108.
18 Vgl. Andres Brämer: Die 101 wichtigsten Fragen – Judentum, München: C.H. Beck, 2010, S. 63.
19 Vgl. Ebd., S. 64.
20 Vgl. Ebd.
21 Vgl. Ebd.

Abbildungen:
Abb. 1: http://www.mhirtreiter.at/bilder/menschen2/romana2.jpg (letzter Zugriff am 2.7.14).
Abb. 2: http://www.denstoredanske.dk/%40api/deki/files/28429/%3D400101.501.jpg (letzter Zugriff am 2.7.14).
Abb. 3: http://img.welt.de/img/reise/crop105919076/716071966-ci3x2l-w580-aoriginal-h386-l0/Jerusalem-Junge-a.jpg (letzter Zugriff am 2.7.14).

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