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Wenn man unseren Körper näher betrachtet, fällt auf, dass er an seiner ganzen Oberfläche mit Haaren bedeckt ist – an manchen Stellen mehr, an manchen weniger. Diese kleinen Härchen haben wichtige gesundheitliche, schützende und wärmende Funktionen.

Viel stärker als diese feine Haarschicht ist der mythische ,Haarmensch‘ behaart. Dieses Phänomen soll hier näher betrachtet werden.1

Medizinisch gesehen ist eine Krankheit für solch übermäßigen Haarwuchs verantwortlich, die  Hypertrichose.2, Etymologisch kommt die Krankheit aus dem Griechischen (hyper – „über“, trichon – „Haar“).3 Unter dieser Krankheit ist ein Haarwuchs zu verstehen, der über das Normalmaß hinaus geht. Dies kann lokal vorliegen, sich aber auch über die gesamte Körperoberfläche erstrecken.4 Wenn man von Hypertrichose spricht, benennt dies jedoch allein den medizinischen Aspekt des Phänomens. Ursache ist normalerweise eine dominante erbliche Störung, die in den meisten Fällen familiär bedingt ist.5 Die Körperoberfläche ist meist von einem dichten Haarkleid bedeckt, obwohl das Gesicht in den meisten Fällen am stärksten betroffen ist.6 Die Beschaffenheit der Haare ist weich und anhängig vom Hauttyp und der jeweiligen Haarfarbe.7

Ein anderes Phänomen ist, dass solche ,Haarmenschen‘ über Jahrhunderte hinweg als Spektakel ausgestellt wurde. Es ist überliefert, dass sich bereits 1633 die in Augsburg geborene Babara Ursler als eine der ersten zur Schau stellte.8 In der Renaissance lebten ,Haarmenschen‘ an den königlichen Höfen von Frankreich, Italien oder der Niederlande um dort als „menschliche Kuriositäten“ zu fungieren und sich ausbilden zu lassen.10

Bis ca. 1860 zählten die ,Haarmenschen‘ zu den größten Sensationen europäischer Jahrmärkte und Schaubuden und wurden als sogenannte ,Freaks‘ betitelt.9 Sie finanzierten ihren Lebensunterhalt, indem sie als Inbegriff des ,Anderen‘, des ,Animalischen‘, ,Mysteriösen‘ greifbar wurden.

An ,Haarmenschen‘ wurden vor allem im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert verschiedene Untersuchungen durchgeführt, unter anderen eine Studie des Arztes und Wissenschaftlers Rudolf Virchow, der versuchte, einen Zusammenhang zwischen dem dichten Haarkleid und den bei ,Haarmenschen‘ meist fehlenden Zähnen zu untersuchen. In diesem Zusammenhang trat erstmals die Bezeichnung „Missing Link“ auf, was zur Annahme führte,der ,Haarmensch‘ stelle eine Art Rückfall der menschlichen Entwicklung dar.12 Viele stark behaarte Menschen wie z.B. die ,Gorilla Dame‘ Julia Pastrava und die spanische Familie Gonsalvus mussten für solche pseudowissenschaftlichen Untersuchungen herhalten.13

Aus der Diversität der Überlieferungen, die über ,Haarmenschen‘ berichten, dürfte deutlich geworden sein, dass das Phänomen medizinische, theoretische, soziale und anthropologische Ansätze beinhaltet.

Beitrag von Sopna Thill

1  Vgl. Stephanie Nestawal: Monstrosität, Malformation, Mutation. Von Mythologie zu Pathologie, Frankfurt a.M. 2010, S. 112.
2-4 Vgl. http://flexikon.doccheck.com/de/Hypertrichosis.
5 Vgl. Stephanie Nestawal: Monströsität, Malformation, Mutation, a.a.O., S. 108.
6 Vgl. Ebd., S. 110.
7 Vgl. Ebd., S. 108.
8 Vgl. Urs Zürcher: Monster oder Laune der Natur. Medizin und die Lehre von den Missbildungen 1780-1914, Frankfurt a.M./New York: Campus Verlag 2004, S. 219.
9-10 Vgl. Ebd.
11 Vgl: Stephanie Nestawal: Monströsität, Malformation, Mutation, a.a.O., S. 105.
12-13 Vgl. Ebd., S. 110.
14 Vgl. Ebd., S. 113.

Abbildung:
Abb. 1: Tognina Gonsalvus (1552-1614), aus: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/Tognina.jpg.

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Ein Kommentar zu “Haarmenschen – Freaks

  1. Ich finde es ziemlich schlimm, dass diese Menschen hier als „Freaks“ bezeichnet werden.Von einem ‚akademischen‘ Blog hätte ich das nicht erwartet.

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