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Das Aussehen der Haare spielt in der westlichen Kultur eine große Rolle. Nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer gehören gepflegte und gestylte Haare als ein Zeichen der Gesundheit und des Wohlstandes zum täglichen Leben dazu. Der kanadische Anthropologe Grant McCracken drückt es wie folgt aus: „Haar ist wichtig in unserer Kultur, denn es bietet Frauen die Möglichkeit, vielleicht sogar die wichtigste, sich in eine andere Person zu verwandeln.“1 Haare werden hier als ein Element, welches maßgeblich unser Aussehen bestimmt, beschrieben. Bemerkenswert ist an dieser Stelle, dass der Autor hier ausschließlich von den Frauen spricht und nicht über die Bedeutung der Haare bei Männern.

Dieser hohen gesellschaftlichen Relevanz von Haaren verdankt sich der Friseurberuf. Heutzutage nennen sich Friseure und Friseurinnen selbstbewusst Hairdresser, Hair-Artists, Coiffeure oder Figaros. Allerdings hat der Friseurberuf eine wechselvolle und nicht immer vergleichbar geregelte und komfortable Geschichte hinter sich.

Die Bezeichnung Friseur stammt von dem französischen Wort ,friser´ ab, was „sich kräuseln“ oder „wellen“ bedeutet.
Die ältesten Überlieferungen zum Thema Haare und Schönheit stammen aus dem alten Ägypten um etwa 4000 v.Chr. Die Bildhauerarbeiten und kunstvollen Zeichnungen auf den hartgebrannten Tontafeln geben uns einen Eindruck in die Lebensweise dieses Volkes in der Frühzeit.2 Die Pflege von Haar und Kopfhaut wurde vor allem von Sklaven durchgeführt, die ihre Herrscher salbten und ölten und ihnen die Haare frisierten. Mit der Erfindung der Bronze um 3000 v. Chr. war der Grundstein zur Anfertigung wichtiger Frisiergeräte gelegt. Aus Bronze fertigte man die ersten sichelförmigen Rasiermesser.3
Auch bei den antiken Römern wurde das Frisieren der Haare von begabten Sklavinnen übernommen, die man Kalamis nannte (Abb. 1). Der Name leitete sich von dem Wort Kalamister ab, dem Brenneisen des Altertums, welches zum Wellen der Haare benutzt wurde.4

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Abb. 1: Ein Kalamister, das mit der zu wellenden Haarsträhne umwickelt ist.

Aus der Zeit um etwa 300–200 v. Chr. stammt eine bei Ausgrabungen in Tanagra (Griechenland) gefundene Plastik, die einen Haarschneider bei der Arbeit darstellt (Abb. 2). Offensichtlich sind hier sowohl der Haarschneider als auch sein Kunde männlich.

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Abb. 2: Friseur, Terracotta aus Tanagra

In der Kultur des antiken Roms erhielt die Körperpflege, vor allem das Baden, einen hohen Stellenwert. Vornehme Römer errichtete luxuriöse Badestuben in ihren Häusern und ließen sich dort von Sklavinnen massieren und salben. Auch die Behandlung des Kopfhaares kam hierbei nicht zu kurz.5

Aus dieser Tradition entwickelten sich im frühen Mittelalter, um 900 n. Chr., die ersten öffentlichen Badestuben, die von sogenannten Badern (Abb. 3) betrieben wurden. Die Handwerker, die bisher regellos und vereinzelt gewirtschaftet hatten, schlossen sich nun zusammen und im 11. Jahrhundert entstanden die ersten Zünfte. Eine Zunft war „ein kooperativer Zusammenschluss der Handwerker, die am selben Ort dem gleichen Gewerbe nachgingen.“6

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Abb. 3: Jost Amman: Der Bader, 1568, Literaturillustration.

Die Tätigkeit des Baders beschränkte sich zunächst nur auf das Zubereiten von Bädern und das Haar– und Bartscheren, wobei er immer an seine Badestube gebunden war, wohingegen Barbiere dieselben Tätigkeiten auch außerhalb der Badestuben verrichteten.7 Beide Berufsgruppen boten zusätzlich ,kleinere´ medizinische Behandlungen an, wie das Ziehen von Zähnen, Wundbehandlungen, Schröpfen (siehe Abb. 3) und Aderlassen. Diese Behandlungen wurden mit extra dafür angefertigten Werkzeugen durchgeführt.

Aderlassgerät

Abb. 4: Aderlassgerät (Skarifiziermesser mit Einzelklinge), um 1800 (Messing, Eisen)

Geräte wie das Aderlassgerät (Abb. 4), auch Schnepper oder Schnäpper genannt, wurden um 1680 erfunden. Aderlassen war eine häufig ausgeführte Tätigkeit in den Badestuben. Man ging davon aus, dass bei der Blutentnahme krankes Blut durch gesundes Blut vom Körper ersetzt würde.

Das abgebildete Gerät hat einen Spannbügel mit einem scharfen Messer. Durch Lösen der gespannten Vorrichtung öffnet das herab schnellende Messer Haut und Blutgefäße. Es wurde vorwiegend an Ellenbeuge und Knöchel eingesetzt.8

Schröpfköpfe

Abb. 5: Schröpfköpfe, 19. Jahrhundert (links: Pressglas; rechts: mundgeblasen)

Beim Schröpfen wurde mit Hilfe einer Flamme im Inneren des Glaskolbens (Abb. 5) eine Art luftverdünnter Raum erzeugt. Anschließend wurde das Glas auf die flache Haut aufgesetzt, die sich bei abkühlender Luft in den Kolben hineinzog und somit stark durchblutet wurde. Beim blutigen Schröpfen ritzten parallel angeordnete Messer zunächst die Haut auf, damit das Blut in die Glaskolben fließen konnte. Genau wie das Aderlassen diente das Schröpfen der Entgiftung des Körpers, in dem verunreinigtes Blut aus dem Körper entfernt wurde.9

Zahnziehhaken

Abb. 6: Zahnziehhaken (Zahnschlüssel), Frühes 19. Jahrhundert (vernickelter Stahl, Holz)

Dieses Werkzeug (Abb. 6) wurde benutzt, um Zähne zu ziehen bzw. auszureißen. Der gekrümmte Haken ist auswechselbar und kann der Zahngröße angepasst werden.10

Fingersäge

Abb. 7: Fingersäge, um 1850 (Stahl, Holz)

Mit Geräten dieser Art (Abb. 7), die es in verschiedene Größen gab, wurden Amputationen von Gliedmaßen durchgeführt.11

Klistierspritze neu

Abb. 8: Klistierspritze, 18. Jahrhundert (Zinn, Holz)

Klistierspritzen (Abb. 8) wurden zur Behandlung von Verstopfung eingesetzt. Sie wurden mit Wasser oder Tee gefüllt, rektal eingeführt und entleerten dann den Darm von Flüssigkeit.12

Bis zur Anerkennung durch die Augsburger Konferenz 1548 galten sowohl der Bader-, als auch der Barbierberuf als ,unehrlich‘ und waren mit Berufen wie Henker, Gaukler und Tänzer gleichgestellt.13
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhundert ging der Ansturm auf die Badestuben allerdings stark zurück. Einerseits fürchtete man sich vor der Ansteckung mit gängigen Krankheiten wie Syphilis oder Pest, und andererseits herrschte ein Widerstand von Seiten der Kirche gegen die Freizügigkeit, die in den Badestuben herrschte.14
Im 16. Jahrhundert etablierten sich dagegen Pariser Coiffeure als wahre Haarkünstler, indem sie ein neues Berufsfeld zum Leben erweckten – der Peruquier oder der Perückenmacher. Die Perücke war von nun an aus den vornehmen Kreisen nicht mehr wegzudenken. Sie galt als Symbol der Distinktion zwischen arm und reich und wurde nicht nur von den Damen sondern auch von den Herren getragen (Abb. 9).

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Abb. 9: Rigaud, Hyacinthe François Honoré: Ludwig XIV, König von Frankreich (Louis XIV), 1701, Öl auf Leinwand, 277 x 194 cm, Paris, Louvre: Abgebildet ist Ludwig XIV, der eine typische Allongeperücke trägt.

Die Perückenmacher genossen einen hohen gesellschaftlichen Status und wurden als Künstler betrachtet. Die Maitresse des König Ludwig XV, Madame Pompadour, zahlte ihrem Friseur eine Viertel Million Franken im Jahr und dieser durfte keine andere Dame frisieren.15

Charakteristisch für die Hochzeit der aufwendigen Turmfrisuren, die mit Hilfe von Drahtgestellen, Rosshaarkissen und Tüll kreiert wurden, ist die französische Königin Marie Antoinette. Auf ihren Bildnissen sind die verschiedensten Zier-Elemente, wie Federn, Perlen, Blumen und Bänder zu erkennen (Abb. 10).

Marie-Antoinette,_1775_-_Musée_Antoine_Lécuyer

Abb. 10: Gautier–Dagoty, Jean-Baptiste-André: Porträt der Marie-Antoinette, 1775, Öl auf Leinwand, 160 x 128 cm, Versailles, Schloss Versailles.

Im späten 18. Jahrhundert nach der französischen Revolution löste die natürliche Haarpracht die Perücke wieder ab und somit verlor auch der Beruf des Perückenmachers seine Bedeutung.

Es wurden rechtliche Regelungen zur Arbeitsteilung von Bader, Barbieren und Wundärzten getroffen, so dass sich der Barbierberuf von dem des Chirurgen loslösen konnte. Ende des 19. Jahrhunderts entstanden Innungen, die die Gruppen der Barbiere, Bader, Heilgehilfen und Damen- und Herrenfriseure in einer Innung zusammenfassten. Als Innung bezeichnet man den Zusammenschluss von gleichen oder ähnlichen Handwerken zur Förderung und Vertretung gemeinsamer Interessen.16
Seit Verabschiedung des Gesetzes zur Ordnung des deutschen Handwerkes im Jahr 1953 gehört das Friseurhandwerk zur Gruppe der Gewerbe für Gesundheits– und Körperpflege sowie der chemischen und Reinigungsgewerbe.17
Im Gegensatz zu den früheren Zeiten sind heutzutage vermehrt Frauen im Friseurberuf tätig. Dieser Wandel begann nach dem ersten Weltkrieg mit der zunehmenden wirtschaftlichen und persönlichen Unabhängigkeit der Frau.18 Durch das breitere Dienstleistungsspektrum, dass speziell für die Damenfrisur entwickelt wurde (Schneiden, Färben, Dauerwellen) konnte sich nun auch die weibliche Friseurin in diesen Beruf etablieren. Sie konnte eine bessere Identifizierbarkeit für ihre Kundinnen generieren, in dem sie neuste Kreationen auf ihrem eigenen Kopf vorstellen konnte. Allerdings schafften es, trotz der Feminisierung des Friseurberufes, überwiegend männliche Friseure an die Spitze des Erfolges.19
Mittlerweile weltweit bekannte Größen der Friseurbranche wie Vidal Sassoon oder Jacques Dessange machten ihren Namen zur Marke und sicherten sich somit Ruhm und Erfolg, der selbst nach ihrem Tod erhalten blieb.
Die Vielseitigkeit und die hohe Kreativität des heutigen Friseurberufes verdankt sich sowohl dem Wandel des Berufsbildes, als auch den großen schöpferischen Leistungen der Friseure, die in der Vergangenheit tätig waren.

Beitrag von Verena Haben

1 McCracken, David Grant: Big Hair – Der Kult um die Frisur. München: DTV 1997, S.11.
2 Vgl. Knöss, Conrad; Olig, Karl (Hg): Der Friseur. Hamburg: Fachbuchverlag Dr. Pfanneberg & Co 1957, S. 394.
3 Vgl. Ebd., S. 395.
4 Vgl. Ebd., S. 402-403. 
5 Vgl. Ebd., S. 405-406.
6 Ebd. S. 3.
7 Vgl.Ebd., S. 7-8.   
8 Wulz, Gerhard: Der Schönheit verbunden – Bader, Barbiere und Friseure. Bad Kissingen: Michael Immhof Verlag 2003, S. 33.
9 Vgl. Ebd.
10 Vgl. Ebd., S. 34.
11 Vgl. Ebd.
12 Vgl. Ebd., S.35.
13 Knöss, Conrad; Olig, Karl (Hg): Der Friseur, a.a.O., S. 8.
14 Vgl. Ebd., S. 415.  
15 Vgl. Ebd., S. 428.    
16 Vgl. Ebd., S. 27.
17  Vgl. Ebd., S. 24.
18 Vgl. Steve Zdatny: Hairdressers: in: A-Z of Fashion,aus:
http://www.bergfashionlibrary.com/view/bazf/bazf00282.xml?q=Hair%20Fashion&isfuzzy=no#highlightAnchor

19 Vgl. Ebd.

Literatur:
Knöss, Conrad; Olig, Karl (Hg): Der Friseur. Hamburg: Fachbuchverlag Dr. Pfanneberg & Co 1957.
McCracken, David Grant: Big Hair – Der Kult um die Frisur. München: DTV 1997.
Wulz, Gerhard: Der Schönheit verbunden – Bader, Barbiere und Friseure. Bad Kissingen: Michael Immhof Verlag 2003.
Steve Zdatny: Hairdressers: in: A-Z of Fashion, aus:
http://www.bergfashionlibrary.com/view/bazf/bazf00282.xml?q=Hair%20Fashion&isfuzzy=no#highlightAnchor.

Abbildungen:
Titelbild: James Gillray: Der Aderlass (um 1850) aus: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/9d/James_Gillray_-_Der_Aderlass_%28um_1805%29_London.jpg.
Abb. 1 :
Wulz, Gerhard: Der Schönheit verbunden – Bader, Barbiere und Friseure. Bad Kissingen: Michael Immhof Verlag 2003, S. 9.
Abb. 2: http://www.hellenica.de/Griechenland/LX/TanagraFriseur.jpg“>http://www.hellenica.de/Griechenland/LX/TanagraFriseur.jpg.
Abb. 3: http://wiki-commons.genealogy.net/images/thumb/3/38/Bader01.jpg/350px-Bader01.jpg“>http://wiki-commons.genealogy.net/images/thumb/3/38/Bader01.jpg/350px-Bader01.jpg.
Abb. 4: Wulz, Gerhard: Der Schönheit verbunden, a.a.O., S. 33.
Abb. 5: Ebd., S. 33.
Abb. 6: Ebd., S. 34.
Abb. 7: Ebd., S. 34.
Abb. 8: Ebd., S. 35.
Abb. 9: http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Louis_XIV_of_France.jpg“>http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Louis_XIV_of_France.jpg.
Abb. 10: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/98/Marie-Antoinette%2C_1775_-_Mus%C3%A9e_Antoine_L%C3%A9cuyer.jpg“>http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/98/Marie-Antoinette%2C_1775_-_Mus%C3%A9e_Antoine_L%C3%A9cuyer.jpg.

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