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 Die Haut so weiß wie Schnee, Lippen, so rot wie Blut, und die Haare so schwarz wie Ebenholz
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Abb. 1: Schneewittchen nach Walt Disney

 

Ebenso wie rote oder blonde Haare verschiedene Zuschreibungen erfahren, so hat auch schwarzes Haar eine besondere Symbolkraft. Die Aussage, die mit den jeweiligen Haarfarben verbunden wird, ist abhängig vom soziokulturellen Kontext und weist somit eine gewisse Kontingenz auf.

Schwarz, die ,Nichtfarbe‘, gilt als das Gegenteil von Weiß. Wo Weiß das Licht, den Tag und das ‚Gute‘ verkörpert, steht Schwarz für die Finsternis, die Nacht und das Bedrohliche. So symbolisiert Schwarz auch jene Attribute, welche der Nacht zugesprochen werden, unter anderem die Abwesenheit von Licht. Und tatsächlich, wenn das menschliche Auge einen Gegenstand als schwarz wahrnimmt, dann absorbiert dieser vollständig das Licht, wohingegen etwas, das weiß erscheint, das gesamte Lichtspektrum reflektiert. Neben diesen allgemeinen Assoziationen scheint auch die Betrachtung der zahlreichen Redewendungen und Sprichwörter, welche sich auf die Farbe Schwarz beziehen, als interessant: „schwarze Seele“, „jemanden anschwärzen“, „Schwarzsehen“, Verknüpfung mit den Themen Tod und Trauer, aber auch Illegalität (Schwarzfahren, Schwarzarbeit).1 Es zeichnet sich damit ab, dass die Farbe Schwarz kulturgeschichtlich überwiegend negativ konnotiert war und ist. Als eine Ausnahme sind Schornsteinfeger_innen zu nennen. Im Aberglauben heißt es, dass es Glück bringe, jemanden aus diesem Berufsstand zu berühren.2

Eine weitere, und möglicherweise komplexere Ausnahme, lässt sich in der Gothic-Szene (Abb. 2) finden, der ein kleiner Exkurs gewidmet werden soll. Bezeichnend für diese Szene, das, was sie optisch verbindet, ist die Farbe Schwarz. „Der Begriff Gothic zur Beschreibung einer Musikrichtung entstand Ende der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts in England.“3 Und dort wird auch der Ursprung der Szene verortet. Als wichtigster Vorläufer der Gothic-Szene gilt die Punkbewegung. Doch im Gegensatz zu den bunten Outfits und den auffälligen Haarfarben der letzteren kleiden sich Gothics überwiegend in dunklen Farben und schwarz. Es scheint, als finde innerhalb dieser Szene eine Umcodierung statt, welche es ermöglicht, dass die Farbe Schwarz in diesem Zusammenhang ihre negativen Konnotationen verliert. Dies sieht Ute Meisel bestätigt: Gemäß ihrer Recherchen scheinen Anhänger_innen der Gothic-Szene „[…] die Farbe Schwarz mit Leben, Bewegung, Lebensfreude, mit Dynamik, Energie oder Ruhe zu assoziieren. Sie verbinden mit der Farbe hauptsächlich Positives.“4 Dementsprechend hat diese Szene auch ein eigenes Schönheitsideal. Blasse Haut, dunkel geschminkte Lippen und Augen, sowie schwarz gefärbte Haare sind häufig bei Gothics zu sehen.5 Diese Praxis ist innerhalb der Szene größtenteils geschlechtsunabhängig.

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Abb. 2: Gothics auf dem WGT, 2010

Die blasse Haut, das schwarze Haar und rote Lippen… dieses Motiv ist auch aus anderen Zusammenhängen bekannt. Das Märchen Schneewittchen, welches die Gebrüder Grimm in ihre Sammlung aufnahmen, erzählt die Geschichte einer Königstocher. Ihre Mutter saß an einem Wintertag am Fenster und stach sich mit einer Nadel in den Finger, woraufhin drei Tropfen Blut in den Schnee fielen.

„Und weil das Rote im weißen Schnee so schön aussah, dachte sie bei sich: Hätt‘ ich ein Kind, so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie das Holz an dem Rahmen! Bald darauf bekam sie ein Töchterlein, das war so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarzhaarig wie Ebenholz und ward darum Schneewittchen (Schneeweißchen) genannt.“6

Schneewittchen, die Schönste im Land, diejenige, die am Ende den Prinzen heiratet, ist in diesem Märchen ,die Gute‘. Und damit ist sie, als Dunkelhaarige, eine Ausnahme, zumindest in den Erzählungen der Gebrüder Grimm. Denn häufig sind die Hauptfiguren, wenn die Haarfarbe erwähnt wird, hellhaarig. Schwarzes Haar tragen meistens die Antagonist_innen, die Hexen und bösen Stiefmütter (Abb. 3). Damit wird in besonderer Weise das weibliche schwarze Haar mit ‚dem Bösen‘ verknüpft.

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Abb. 3: Ein aktuelles Beispiel: Angelina Jolie als dunkle Fee, 2014

Besonders anschaulich wird dies wird in dem Märchen Frau Holle dargestellt. „Eine Witwe hatte zwei Töchter, davon war die eine schön und fleißig, die andere häßlich [sic!] und faul.“7 Am Ende des Märchens erhält die fleißige Schöne eine Belohnung, sie wird mit Gold überschüttet. Die Faule aber wird mit Pech übergossen (Abb. 4). Die Erzählung von Goldmarie und Pechmarie verdeutlicht, wie in diesen Märchen Charaktereigenschaften mit unterschiedlichen Farben verknüpft werden. Dadurch wird eine scheinbare Aussagefähigkeit eben dieser konstruiert.

Szene aus "Frau Holle" (1963)

Abb. 4: Katharina Lind als Pechmarie, 1963

Auch heute noch findet eine Kategorisierung von Haarfarben statt. So beschreibt die Vogue: „Schwarze Haare wirken mondän und exklusiv – das wussten bereits Frauen wie Cleopatra und Coco Chanel oder jüngst Dita von Teese.“8 Es sind also nicht nur die Blondinen betroffen von Stereotypen, auch die ‚rassige Brünette‘ und ‚mystische Rothaarige‘ werden in den Medien weiterhin reproduziert.

Beitrag von Friederike Lippki

1 Vgl. Doris Schmidt, Heinz Janalik: Grufties – Jugendkultur in Schwarz. Hohengehren: Schneider Verlag 2000, S. 67.
Vgl. Ebd.
Ute Meisel: Die Gothic-Szene – Selbst- und Fremdpräsentation der umstrittenen Jugendkultur. Marburg: Tectum Verlag 2005, S.11.
Ebd. S. 39.
Vgl. Doris Schmidt, Heinz Janalik: Grufties – Jugendkultur in Schwarz, a. a. O., S. 85 ff.
Jacob und Wilhelm Grimm: Die schönsten Kinder- und Hausmärchen, online verfügbar unter: http://gutenberg.spiegel.de/buch/6248/150 (zuletzt abgerufen am 17. 07. 2014).
Jacob und Wilhelm Grimm: Die schönsten Kinder- und Hausmärchen, online verfügbar unter: http://gutenberg.spiegel.de/buch/6248/51 (zuletzt abgerufen am 17. 07. 2014).
O. V.: Schwarze Haare, in: Vogue.de. Online verfügbar unter http://www.vogue.de/tags/s/schwarze-haare (zuletzt abgerufen am 21. 07. 2014).

Abbildungsnachweise:
Abb: 1: Schneewittchen nach Walt Disney:  http://img4.fotos-hochladen.net/uploads/11qvcu32klfw.jpg (Zuletzt abgerufen am 21. 07. 2014).
Abb. 2: Gothics auf dem WGT, 2010: http://www.kleinertod.de/begegnungen/wgt-2010/besucher-WGT-2010-103.jpg (Zuletzt abgerufen am 21. 07. 2014).
Abb. 3: Angelina Jolie als dunkle Fee. Screenshot aus dem Film Maleficent, Regie: Robert Stromberg, 2014: http://cdn.screenrant.com/wp-content/uploads/Angelina-Jolie-as-Maleficent1-1024×682.jpg (Zuletzt abgerufen am 22. 07. 2014).
Abb. 4: Katharina Lind als Pechmarie. Screenshot aus dem Film Frau Holle, Regie: Gottfried Kolditz, 1963: http://www.mdr.de/tv/kinder/holle106_v-standardBig_zc-3ad1f7a1.jpg%3Fversion%3D30448 (Zuletzt abgerufen am 22. 07. 2014).

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