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Früher oder später erwischt es die meisten Menschen: die Melanozyten, jene Zellen, die in den Haarwurzeln für die Bildung der Pigmente zuständig sind, stellen ihren Dienst ein. Die Folge ist farbloses Haar, welches grau erscheint. Doch so selbstverständlich, wie der menschliche Körper diesen Vorgang einleitet, so wenig gelassen nehmen ihn viele hin. Besonders bei Frauen wird graues Haar häufig als das Gegenteil von Vitalität und Jugend verstanden. Die Männer haben es da schon etwas besser getroffen, was die Vorurteile bezüglich ihrer ergrauten Haare angeht: Sie ‚reifen‘ mit dem Alter, grau-meliertes Haar mache sie attraktiver (Abb. 1) oder lasse sie weise wirken (Abb. 2).

Abb. 1: der grauhaarige George Clooney

Abb. 2: Ian McKellen als Gandalf der Graue

Umso erfreulicher ist es, wenn Frauen jenseits vom Oma-Klischee der Dauerwelle und Kittelschürze zu ihren grauen Haaren ‚stehen‘. Frau N. begeisterte mich sofort mit ihrer positiven Ausstrahlung. Ihr Kleidungsstil lässt sich als klassisch-lässig bezeichnen. Über die weiße Bluse trägt sie eine hellgraue Jacke, dazu eine hellbeige Hose. Dazu bilden der braune Gürtel und die braunen Schuhe einen interessanten Kontrast. Ihre grauen Haare korrespondieren mit dem Farbton ihrer Jacke. Sie hat ihr lockiges Haar vollständig aus dem Gesicht frisiert, im Nacken reicht es bis an den hochgestellten Kragen, in der Kontur und im Ponybereich ist es kurz geschnitten. Mit dem grauen Haar wirkt sie jedoch alles andere als ‚angestaubt‘! Durch die zeitgemäße Frisur fügt sich das graue Haar stimmig in den modernen Look ein (Abb. 3).

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Abb. 3: Frau N. in Darmstadt

In den letzten Jahren ist eine zaghafte Entwicklung hin zum Tragen von grauem Haar zu beobachten. In Internetforen wird Grau seit einiger Zeit als die Trendhaarfarbe gehandelt1 und auch Spiegel-online befasste sich zu Beginn des Jahres 2013 mit diesem Thema.2 Aufmacher des Artikels war die Frage: „Haare grau färben: Ist der neue Trend gut gegen Sexismus?“ Doch schon die erste Bildunterschrift liefert eine fragwürdige Begründung für das Tragen grauer Haare: „Eine US-Autorin behauptet, mit Grauschopf lande sie besser bei Männern.“ Dieser Beweggrund ist doch etwas enttäuschend, wäre es nicht schöner, wenn Frauen graues Haar trügen, weil sie sich damit wohlfühlen, weil es ihnen gefällt?

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Abb. 4: Frau N. in Darmstadt

Frau N. beweist, dass es möglich ist, trotz – oder eben gerade wegen – dem grauen Haar  stylish auszusehen. Ihre Haarfarbe macht ihren Look zu etwas Besonderem und wertet ihn auf (Abb. 4/5). Meiner Meinung nach wäre sie mit gefärbtem Haar nicht so interessant und charismatisch. Und sie ist nicht die einzige, deren modebewusstes Auftreten durch silbernes Haar komplettiert wird. Auch auf der Internetpräsenz der Zeitschrift Vogue wird aktuell graues Haar verhandelt.3 Im High-Fashion-Kosmos haftet grauem Haar schon länger nicht mehr das Oma-Image an: Bereits 2011 erschien unter Vogue.de ein Artikel, der verkündete: „Lady Grey – immer mehr Stars bekennen sich zur lange ungeliebten Laune der Natur.“4 Dass diese Auseinandersetzung international stattfindet, zeigen zahlreiche Berichte, unter anderem der, der italienischen Vogue.5 Erstaunlicherweise wird dieser Trend auch von jüngeren Frauen aufgegriffen, die sich diese Haarfarbe künstlich färben lassen. Prominente Beispiele sind Pink, Lady Gaga (Abb. 6) und Kelly Osbourne. Bei ihnen ist offensichtlich, dass graues Haar eine modische Spielerei ist. Älteren Frauen mit natürlich grauem Haar wird manchmal unterstellt, sie seien zu faul zum Färben oder schlichtweg uneitel. Dabei könnten die grauen Haare ebenso als ein Akzeptieren des eigenen Älterwerden oder als ein modisches Statement verstanden werden. Und beides schließt sich nicht per se aus! Bei Frau N. wirkt das Tragen der grauen Haare wie eine bewusste Entscheidung, weil ihr restlicher Look vermuten lässt, dass sie sich mit Mode und ihrem Äußeren auseinandersetzt.

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Abb. 5: Frau N. in Darmstadt

Es hat sich somit gezeigt, dass graues Haar viel mehr sein kann und ist, als eine Laune der Natur, eine unerwünschte Begleiterscheinung. Und dennoch: die Mehrheit der Ergrauten greift weiterhin zu Färbemitteln. Der Soziologe Georg Simmel beschrieb in seinem Werk ‚die Mode‘ wie sich eben jene verbreitet.6 Er war der Ansicht, Mode entstehe in den oberen Schichten und breite sich von dort ,nach unten‘ aus. Da dieser Prozess immer etwas Zeit in Anspruch nimmt, ist meine Hoffnung, dass sich das Tragen von grauem Haar in der Zukunft noch stärker durchsetzten wird.

Abb. 6: Lady Gaga mit grauem Haar

Beitrag von Friederike Lippki

O.V.: „50 Shades of Grey mal anders: Graue Haare, na und?“, in: http://www.desired.de/graue-haare-2013-trend-zur-natuerlichkeit/id_62838678/index veröffentlicht am 04. 04. 2013 (zuletzt abgerufen am 15. 07. 2014).
Daniel Haas: „Haarfärbe-Trend: Viel Spaß in der Grauzone!“, in: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/haare-grau-faerben-ist-der-neue-trend-gut-gegen-sexismus-a-880342.html veröffentlicht am 01.02.2013 (zuletzt abgerufen am 13. 07. 2014).
Carina Reinhardt: „Graues Haar“, in: http://www.vogue.de/beauty/beauty-trends/beauty-trend-graues-haar veröffentlicht am 27. 06. 2014 (zuletzt abgerufen am 13. 07. 2014).
O.V.: „Grandezza in Grau“, in: http://www.vogue.de/beauty/beauty-trends/haarfarbe-grandezza-in-grau veröffentlicht am 15. 12. 2011 (zuletzt abgerufen am 15. 07. 2014).
Vittoria Filippi Gabardi: „Grey chic“, in: http://www.vogue.it/en/beauty/beauty-in-vogue/01/07/natural-grey veröffentlicht am 21. 07. 2011 (zuletzt abgerufen am 13. 07. 2014).
Für weiterführende Informationen siehe: Georg Simmel: Die Mode. In: Silvia Bovenschen (Hg.): Die Listen der Mode. Frankfurt a.M. 1986. Auch online verfügbar unter: http://www.modetheorie.de/fileadmin/Texte/s/Simmel-Philosophie_Mode_1905.pdf

Abbildungsnachweise:
Abb. 1: der grauhaarige George Clooney, online verfügbar unter: http://www.joblo.com/newsimages1/george_clooney_01.jpg (zuletzt abgerufen am 27. 07. 2014).
Abb. 2: Ian McKellen als Gandalf der Graue in der Verfilmung von ‚Herr der Ringe‘, online verfügbar unter: thegrownupya.files.wordpress.com/2013/08/gandalf-the-grey.jpeg (zuletzt abgerufen am 27.07. 2014).
Abb. 3 – 5: Frau N. in Darmstadt, aufgenommen am 17. 06. 2014 von F. Lippki.
Abb. 6: Lady Gaga mit grauen Haaren, online verfügbar unter: https://c2.staticflickr.com/2/1090/5109387421_15eea168b7.jpg (zuletzt abgerufen am 27. 07. 2014).

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