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Wissenswertes zur Frisur — Braids, Rastas, Corn Rows

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Abb. 1: Foto: Nina Bethscheider: Modell: Helen. Kranichsteiner Einkaufszentrum Darmstadt, 23.06.2014.

Diese Frisur zeigt eine wunderbare Variante, wie viele verschiedene Strukturen und Frisierweisen in einer Frisur dennoch ein harmonisches Gesamtbild ergeben können. Durch die vielen kleinen aneinander gereihten Zöpfe, die sich auch ,Rastazöpfe‘, ,Braids‘ oder ,Corn rows‘ nennen, entsteht in der Frisur eine besonders geordnete Struktur. Gerade auch deshalb, weil offensichtlich sehr exakt und ordentlich gearbeitet wurde. Besonders interessant wirkt die Frisur dabei durch die eingeflochtenen hellbraunen Extensions (künstliche Haarsträhnen), die dem Haar mehr Länge verleihen. Als besonderer Blickfang dient zudem ein seitlich eingeflochtener Zopf auf ihrer linken Kopfhälfte. Dieser Zopf, der sich von den restlichen kleinen Zöpfen merklich abhebt, wurde womöglich nach hinten zum Hinterkopf hin verlängert, in sich eingerollt und in einer Art Dutt festgesteckt. Um einen besseren Halt zu erzielen, wurde der Zopf in sich ,vernäht‘, eine Technik, die auch im Mai 2014 bereits auf der Hair&Beauty präsentiert wurde.

In dieser Frisur zeigt sich beispielsweise ganz deutlich, dass Haare als besonderes Schmuckstück fungieren und in den unterschiedlichsten Varianten gestaltet werden können. Dies bestätigt auch die Kunsthistorikerin und Literaturwissenschaftlerin Dr. phil. Irene Antoni-Komar in ihrem Buch Kulturelle Strategien am Körper, worin sie schreibt: „Haare sind Objekt der Gestaltung, formbares Medium für die Inszenierung des Selbst. Sie sind formbare Masse, die es zu kultivieren gilt.“1

Des Weiteren erklärt sie, dass die Haare beziehungsweise die Frisur auch zum Ausdruck der Persönlichkeit, dem gesellschaftlichen Status und kulturellen Hintergrund dienen. Insbesondere durch die unterschiedlichsten Praktiken wie das Haar gestaltet und geformt werden kann, kommen kulturelle Muster auf. Denn in den verschiedensten Ländern gibt es auch die unterschiedlichsten Methoden Haare zu frisieren und auch die unterschiedlichsten Geschmäcker was das Haarstyling betrifft. 2

Auch wenn es bezüglich dieser Themen oft um Stereotypen geht, die meist nicht korrekt sind, so lässt sich dennoch sagen, dass die obige Frisurenvariante eher den südlichen Kulturen zusgeschrieben werden kann. In afrikanischen Ländern gelten so die Haare etwa als wichtigstes ästhetisches Merkmal und das Frisieren oder Modellieren dieser zudem sogar als echte artistische Disziplin.3 Zudem ist es in solchen Ländern sehr wichtig, dass ein Friseur oder eine Friseurin verschiedene Frisierweisen miteinander kombiniert, wie etwa Braids mit Corn Rows und einem Dutt.4 Dies zeigt auch das obige Bildbeispiel sehr schön. Es können aber auch Locken hinein kreiert werden und verschiedene Arten von Schmuck enthalten sein, wie etwa Bernstein, Metallringe, Glasperlen, Muscheln, künstliche Haarsträhnen, Knochen und leider oft auch Elfenbein.5 Je nach geografischer Verortung oder zugehörigem Stamm kennzeichnet die Frisur beispielsweise den Wechsel in eine andere Altersklasse. Dies ist vor allem bei den Massai und Samburu, Stämme aus Kenia und Tansania, der Fall.6 Hier tragen alle (Frauen, Männer, Kinder und Älteste) kurzrasierte Haare, bis auf die jungen Krieger. Während der Zeit als Krieger lassen die jungen Männer ihre Haare lang wachsen und flechten daraus viele kleine Zöpfchen. Ist die Zeit als junger Krieger vorüber, so scheren die Mütter ihnen die Haare ab als Zeichen der nun neu gewonnenen Verantwortung als Ältester.7

Haare schaffen aber auch Nähe. Das bedeutet, dass viele sich den aktuellsten Haarmoden innerhalb der Gesellschaft anpassen und diesen nacheifern, nur um ,dazu‘ zu gehören. — Dazu gehören in sofern, dass jeder top aktuell und modern sein, vor allem aber mit dem Strom, dem ,Mainstream‘, schwimmen möchte. Wenn es also modern ist, sich ein Teil seiner Haare abzurasieren (Bsp.: Sidecut), so werden übermorgen fast alle, die dem Mainstream angehören wollen, diese Frisur tragen.

Über die Frisur kann also die Gruppenzugehörigkeit ausgedrückt werden oder aber die bewusste Abgrenzung, wie es etwa bei der Subkultur der Punks der Fall ist. Diese möchten sich ganz bewusst vom Rest der Masse abgrenzen und tragen deshalb sehr ausgefallene Frisuren wie beispielsweise rote, blaue oder grüne Irokesenfrisuren.

Abschließend zeigt sich also, dass Haare viele verschiedene Bedeutungen haben können und nicht rein dem ästhetischen Nutzen dienen. Dazu scheint es bereits Jahrtausende lang die unterschiedlichsten Bräuche und Mythen zu geben. So kamen den Haaren zum Beispiel auch in früheren Erzählungen der Bibel bereits unterschiedliche Bedeutungen zu. Um dazu mehr zu erfahren, bitte auf diese Links klicken (Link 1, Link 2), um weitergeleitet zu werden.

Beitrag von Nina Bethscheider

Irene Antoni-Komar: „Kulturelle Strategien am Kopf. Aspekte einer Systematik der Frisur.“, in: Kulturelle Strategien am Körper. Frisuren, Kosmetik, Kleider. Band 2. 1. Auflage. Oldenburg: dvv Deutscher Buchverlag GmbH, 2006. S. 80 f..
2 Ebd. S. 81.
3 Niangi Batulukusi: „Hair in African Art and Culture“, in: Ders.: Museum for African Art. München, London, New York: Prestel Verlag. S. 26.
4 Ebd. S. 27.
5 Ebd. S. 27.
6 Beate Zekorn: „6. Soziale Haare — Haariges aus aller Welt II“, in: Heinrich-Hoffmann-Museum der Frankfurter Werkgemeinschaft e.V. (Hg.). Begleitheft zur Ausstellung Haargeschichten: Vom Struwwelkopf zum Rastazopf. Frankfurt am Main: Heinrich-Hoffmann-Museum, 1996. S. 35.
7 Ebd. S. 35.
8 Irene Antoni-Komar: „Kulturelle Strategien am Kopf. Aspekte einer Systematik der Frisur.“ a.a.O., S. 81.

Abbildungen:
Abb. 1: Foto: Nina Bethscheider: Modell: Helen. Kranichsteiner Einkaufszentrum Darmstadt, 23.06.2014.

Quellen:
Niangi Batulukusi: „Hair in African Art and Culture“, in: Ders.: Museum for African Art. München, London, New York: Prestel Verlag.
Beate Zekorn: „6. Soziale Haare — Haariges aus aller Welt II“, in: Heinrich-Hoffmann-Museum der Frankfurter Werkgemeinschaft e.V. (Hg.). Begleitheft zur Ausstellung Haargeschichten: Vom Struwwelkopf zum Rastazopf. Frankfurt am Main: Heinrich-Hoffmann-Museum, 1996.
Karl Heinrich-Bette: „II. Spurensuche: Der Körper als Fluchtpunkt. 6. Punk-Körper. Zur sinnenhaften Inszenierung von Sinnlosigkeit“, in: Körperspuren. Zur Semantik und Paradoxie moderner Körperlichkeit. 2. Auflage. Bielefeld: Transcript Verlag, 2005.

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