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1 Laura

Abb. 1/2: Laura in der Darmstädter Innenstadt

Aufgrund ihrer Ausstrahlung und ihrer Frisur ist mir Laura in der Darmstädter Innenstadt direkt ins Auge gefallen. Wir sprachen über ihre Frisur und auf die Frage, wie sie diese beschreiben würde, lautete ihre Antwort:
„Eine Mischung aus Mr.Spock und Skin Girl.“
Spätestens nach dieser Antwort war klar, dass es mir Freude bereiten würde, über Lauras Streetstyle zuberichten.

Nun, Mister Spock (siehe Abb. 3) ist bekannt als eine Figur aus der TV Serie Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert (1987-1994)“. Er stellt offensichtlich ein Wesen aus einer fremden Galaxie dar, was seine elfenhaft geformten Ohren vermuten lassen. Werden die beiden Frisuren miteinander verglichen (Abb. 3/4), ist dabei eine Ähnlichkeit aufgrund der stumpf auf eine Linie geschnittenen Ponypartie zu erkennen, die Haare sind vom höchsten Punkt des Kopfes aus nach vorne, bis hin zur Ponypartie gekämmt, sowie geglättet. Weiter ist die Haarfarbe der beiden identisch. Doch weitere Vergleiche zu Lauras Frisur lassen sich nicht ziehen.

Abb. 3: Mister Spock aus der TV Serie „Raumschiff Enterprise“

Abb. 3: Mister Spock aus der TV Serie Raumschiff Enterprise

Abb. 4: Lauras Frisur

Abb. 4: Lauras Frisur

Somit führt dies zu dem zweiten Vergleich mit den sogenannten Skingirls. Um ehrlich zu sein, hatte ich bisher noch nicht von dem Begriff ,Skingirl‘ gehört und meine ersten Gedanken waren, dass es doch sicher etwas mit der Skinhead- oder gar Neonaziszene zu tun haben könnte. Dieser Gedanke kommt möglicherweise auch bei vielen Unwissenden auf, welche, wie ich, den Begriff zum ersten Mal hören oder lesen. Nachdem ich mich mehr damit beschäftigt hatte, war es mir ein Anliegen, dieses Missverständnis als kleinen Exkurs innerhalb dieses Beitrags zu thematisieren, denn häufig werden Skinheads von den Medien und der Gesellschaft auf eine Stufe mit Neonazis gestellt.1
Bei den Skinheads handelt es sich um eine Gemeinschaft, welche sich Ende der 60er Jahre aus der besseren Arbeiterklasse formierte. Sie änderten zunächst ihren Kleidungsstil dahingehend, dass sie ihre Jeans hochkrempelten, um ihre Arbeiterstiefel zu präsentieren, die ,proletarische Klasse‘ der sie angehörten nach außen zu kehren und durch die immer kürzeren Haare wirkten sie mehr und mehr härter sowie martialischer.2 Der Aufstieg der Mittelschicht brachte das Zerbrechen des Kollektivs mit sich und die Skinheads, welche in den Arbeiterquartieren zurückblieben, versuchten indessen, traditionelle Gemeinschaften zu reorganisieren. Auch gegenwärtig basieren die Grundsätze dieser Gemeinschaften auf einem solidarischen Zusammenschluss um Männlichkeit, Härte und Stolz. Blutige Auseinandersetzungen wie z.B. bei Fußballspielen oder gegen andere Gruppierungen können durchaus vorkommen. Durch ihre eher konservative Lebenshaltung sowie Vorstellungen und den Wunsch, zu den vergangenen klassischen Werten zurückzukehren, wurden beispielsweise Hippies, Schwule sowie Studenten/innen zu den Feindbildern der Skinheads; da diese Gruppen nach Veränderungen und neuen Strukturen streben.3 Doch auch positive Aktivitäten sind zu vermelden, wie z.B. der Einsatz gegen Rechtsradikalismus, was durch Demonstrationen gegen Rassismus deutlich wird.4 Nochmals kurz gefasst, hassen Skinheads die von ihnen sogenannten ,Spießer‘, sie wollen provozieren, spielen mit ihrem Medien-Image sowie den Vorurteilen über sie und wollen sich stetig von sämtlichen anderen Gruppierungen oder gesellschaftlichen Begebenheiten abheben und differenzieren.5

Zu den Skinheads gehören mitunter auch weibliche Anhängerinnen, die sogenannten Skingirls oder auch ,Renees‘6, um nach diesem kurzen Exkurs wieder zurück zu dem Vergleich der Frisur von Laura und der Frisur eines Skingirls (Abb. 5) zu kommen. Deutlich werden dabei der meist ausrasierte Nacken, welcher auch bei Laura bis zum Hinterhauptbein sehr kurz gehalten ist. Des Weiteren tragen Skingirls sehr lange Koteletten. Diese kommen in Lauras Haarschnitt auch zur Geltung, obgleich sie sie ,nur‘ bis zur Kinnlänge trägt.

Abb. 5: Die Frisur im Stil eines Skingirls

Abb. 5: Die Frisur im Stil eines Skingirls

Abb. 6: Lauras Frisur im Vergleich

Abb. 6: Lauras Frisur im Vergleich

Trotz der gewählten Vergleiche von Laura mit den beiden genannten Personen, spricht sie sich gegen jegliche politische Verbindung ihrer Frisurenwahl mit irgendeiner Gruppierung aus. Sie gehört also weder den Fans von Raumschiff Enterprise noch den Skinheads an; sie hat mich jedoch dazu inspiriert, beide Themen in diesen Beitrag miteinfließen zu lassen.

Abb. 7: Coco Chanel

Abb. 7: Coco Chanel

Abb. 8: Louise Brooks

Abb. 8: Louise Brooks

Aus historischer Sicht hat Lauras Frisur ihren Ursprung in den 20er Jahren. Damals war der „Bubikopf“ als Variante des Bobs der absolute Modetrend, der beispielsweise von den damaligen Stilikonen Modeschöpferin Coco Chanel (Abb. 7) und Schauspielerin Louise Brooks (Abb. 8) getragen wurde.7 In den 1920er Jahren präsentierte sich ein neues Bild der Frau. Die Frauen waren lässig, sportlich, trugen praktische Kleidung und traten insbesondere sehr selbstbewusst auf. Sie waren modern, selbstbestimmend, verkörperten eine neue Sachlichkeit und dieses Frauenbild wurde mit dem Bubikopf zusätzlich unterstrichen. Durch die Kürze des Haares, die klaren, harten Konturen und dem extrem kurzgeschnittenen Pony, der je nach Variation auch mal fransig geschnitten war und somit die sonstigen klaren Linien mit einer leichten Verspieltheit zu unterbrechen vermochte. Erst gegen Ende der 1920er Jahre, als auch die Weimarer Republik ihr Ende fand, änderte sich das Frauenbild wieder, in welchem die Haare wieder länger wurden und die Frauen zu einer anders gesehenen ,Weiblichkeit‘ zurückkehrten.8

Gegenwärtig ist der kurze Pagenkopf nach wie vor nicht aus der Modewelt wegzudenken. Stars wie Rihanna, Charlize Theron oder Emma Watson (siehe Abb. 9 -11) ließen sich mit dem Frisurenlook der 1920er Jahre sehen. Und vor allem aufgrund der vielen Variationsmöglichkeiten des Bobs, sind der Kreativität bei dieser Frisur keine Grenzen gesetzt. In Lauras Fall wird das Augenmerk auf die harte Kontur an Pony und dem Hinterkopf gesetzt, welche durch den kurz geschnittenen Nacken und den fehlenden Übergang betont wird. Die länger gelassenen Koteletten betonen das Gesicht und setzen gleichzeitig nochmals einen Akzent der Frisur. Es gilt: Der Bubikopf ist nicht aus Mode und Styling wegzudenken und ist eine der vielseitigsten Frisuren.

Abb. 9: Sängerin Rihanna

Abb. 9: Sängerin Rihanna

Abb. 10: Schauspielerin Charlize Theron

Abb. 10: Schauspielerin Charlize Theron

Abb. 11: Schauspielerin Emma Watson

Abb. 11: Schauspielerin Emma Watson

Beitrag von Dagmar Heiß

 

1 Vgl. Matthias Völker: Krawall, Kommerz und Kunst. Jugendkulturen im 20. Jahrhundert. Marburg: Tectum Verlag 2008, S. 71.
2 Ebd. S. 72.
3 Ebd. S. 71ff.
4 Vgl. Klaus Farin: Jugendkulturen in Deutschland. Bonn: Zeitbilder 2011, S. 110.
5 Ebd. S. 109ff.
6 Ebd. S. 116.
7 http://frisuren.erdbeerlounge.de/frisuren-tipps/Bubikopf/ (zuletzt abgerufen am 20.07.14).
8 Susanne Meyer-Büser: Bubikopf und Gretchenzopf. Die Frau der zwanziger Jahre. Heidelberg: Edition Braus 1995, S. 8ff.

Abbildungen:
Abb. 3: www.fanpop.com/clubs/mr-spock/images/5589461/title/spock-zq-photo (zuletzt abgerufen am 20.07.14).
Abb. 5: https://www.flickr.com/photos/skinhead_reggae/3292417571/ (zuletzt abgerufen am 20.07.14).
Abb. 7: http://chicsstyle.com/coco-chanel-100-influential-people-20th-century/  (zuletzt abgerufen am 20.07.14).
Abb. 8: http://www.doctormacro.com/movie%20star%20pages/Brooks,%20Louise-Annex.htm (zuletzt abgerufen am 20.07.14).
Abb. 9/10: http://frisuren.erdbeerlounge.de/frisuren-tipps/Bubikopf/ (zuletzt abgerufen am 20.07.14).
Abb. 11: http://www.viply.de/?p=42490 (zuletzt abgerufen am 20.07.14).
Abb. 1,2,4,6: Laura, fotografiert in der Darmstädter Innenstadt am 05.06.14 von Dagmar Heiß.

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