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Im Laufe der verschiedenen Epochen wechselten die Kleider- und Frisurenmoden stetig. Die kulturellen und gesellschaftlichen Einflüsse lassen sich seit jeher auch in Veränderungen des äußeren Erscheinungsbildes der Menschen erkennen; so auch in der Epoche des Jugendstils, welche von etwa 1890 bis 1910 zu datieren ist. Eine exakte zeitliche Eingrenzung der Jugendstilzeit ist kaum möglich, hatte man sie doch jahrzehntelang mehr als künstlerische Entgleisung denn als Stilepoche angesehen.1 Die Anfänge des Jugendstils sind in England zu verzeichnen, daraufhin in Frankreich, und circa 1894 war der Jugendstil auch in Deutschland angekommen. Der Stil war in Deutschland zwar nur etwa zehn Jahre lang vorherrschende Strömung, seine Einflüsse in Literatur, Architektur, Kunst und Mode erstrecken sich jedoch noch über die kommenden Jahrzehnte weiter.

„Ausstellungsgelände“ von Joseph Maria Olbrich,   Zeigt die aus dem Jugendstil stammende Mathildenhöhe, im Jugendstilzentrum Darmstadt

Abb. 1: ,Ausstellungsgelände‘ von Joseph Maria Olbrich, zeigt die aus dem Jugendstil stammende Mathildenhöhe im Jugendstilzentrum Darmstadt

Als Schlagworte dieser Zeit, welche in allen genannten Gattungen Bestandteil waren, können beispielsweise „Symbolismus“, „Schmuck“ oder „Ornamentik“ genannt werden. Zeitgeist und Lebensgefühl wurden u.a. durch neue Philosophen, die Wiederentdeckung von Religion, einer neuen Natur-und Freikörperbewegung, dem Vorhandensein des Unterbewussten sowie dem Bruch mit erotischen Tabus gekennzeichnet.2

Im Folgenden soll dargestellt werden, wie sich diese Phänomene im Mode- bzw. Frisurenbild wiedergespiegelt haben.

Abb. 2: Unbekannter Fotograf: Adele Patti. Zeitgenössische Fotografie: Kleid aus der Zeit vor dem Jugendstil.

Abb. 2: Unbekannter Fotograf: Adele Patti. Zeitgenössische Fotografie: Kleid aus der Zeit vor dem Jugendstil.

Während in der vorausgegangenen Gründerzeit das Korsett noch eng geschnürt wurde, die Kleider von der Taille an noch ausladend fielen und mit Raffungen, Volants und Rüschen verziert waren (Abb. 2), wurden sie während der Jugendstilzeit mehr und mehr gerade in ihren Schnitten, die Roben wurden fließender sowie bodenlang, fielen sanft von den Schultern herab (Abb. 3) und das Korsett wurde zunächst eher in gerader Form geschnürt, bis es im Zeitverlauf überhaupt nicht mehr genutzt wurde (Abb. 4). Die sanft fallenden Stoffe wurden zunächst mit pflanzlichen Motiven und weiter mit geometrischen Formen versehen (Abb. 5).

Abb. 3: Antonio de la Gandara: Madame Salvator, 1902. Weich fallendes, bodenlanges Jugendstilkleid.

Abb. 3: Antonio de la Gandara: Madame Salvator, 1902. Weich fallendes, bodenlanges Jugendstilkleid.

Abb. 4: Korsetts für die gerade Figur, 1908/09.

Abb. 4: Korsetts für die gerade Figur, 1908/09.

Abb.5: Rudolph Dührkoop: Dame am Klavier. Fotographie, 1910.  Eine Frau in der Jugendstilzeit, auf deren Kleid Blumen in ornamentalen Mustern zu erkennen sind.

Abb. 5: Rudolph Dührkoop: Dame am Klavier. Fotographie, 1910.
Eine Frau in der Jugendstilzeit, auf deren Kleid Blumen in ornamentalen Mustern zu erkennen sind.

In der Haarmode verbreitete sich rasch die Ondulation, durch die neue Wellenfrisuren ermöglicht wurden. Mit einem Ondulier-Eisen (Abb. 6) konnten tief ausgeformte, natürlich wirkende Wellen in das Haar geformt werden.

Abb .6: Die während der Jugendstilzeit für Wellenfrisuren verwendeten Onduliereisen.

Abb .6: Die während der Jugendstilzeit für Wellenfrisuren verwendeten Onduliereisen.

Das lange ondulierte Eigenhaar wurde meist hochfrisiert und eingeschlagen, so dass der Kopf recht schmal wirkte (Abb. 7/8). Weiche Wellen wurden an den Seiten fallen gelassen, umschmeichelten das Gesicht, ebenso wie die kürzeren Stirnfransen, welche gelockt auf der Stirn oftmals bis hin zu den Augenbrauen frisiert wurden3 (Abb. 9).

Abb. 7: Hochfrisur um 1900, asymmetrisch hochonduliert und eingeschlagen

Abb. 7: Hochfrisur um 1900, asymmetrisch hochonduliert und eingeschlagen

Abb. 8: Asymmetrisch stärker betonte Form um 1910.

Abb. 8: Asymmetrisch stärker betonte Form um 1910.

Abb. 9: Jugendstilfrisur mit eingeschlagenen Wellen und der auf die Stirn frisierten Ponypartie.

Abb. 9: Jugendstilfrisur mit eingeschlagenen Wellen und der auf die Stirn frisierten Ponypartie.

Eine große Bedeutung hatten, ebenso wie bei der Kleidermode, die Verzierungen. Es wurden sowohl Blüten, also Naturschmuck, als auch weitere ornamentale Schmuckstücke in die Frisuren eingesetzt. Nicht nur in der Kunst und Architektur wurden diese genutzt, sondern auch in Kleider-und Haarmode (Abb. 10/11).

Abb. 9: Haar-Ornamente in Harper´s Bazaar (1903)

Abb. 10: Haar-Ornamente in Harper´s Bazaar (1903)

Abb. 11:The Delineator, 1906 Jugendstilfrisur mit eingearbeiteten Schmuckornamenten

Abb. 11: The Delineator, 1906
Jugendstilfrisur mit eingearbeiteten Schmuckornamenten

Durch die sozialen und geistigen Umwälzungen zur Jahrhundertwende vollzog sich eine Abwertung gegenüber den bestehenden Moralbegriffen und gegen die vorherrschenden erotischen Tabus. Frauen wurden in dieser neuen ,Jugend‘, zwar nicht explizit, jedoch besonders durch diese Ornamente und Symbole als frech, lasziv und als Teil einer Art ,sexuellen Revolution‘ dargestellt. Getarnt waren sie dabei oftmals als Nixen, Waldfeen, lebende Statuen und sonstigen4 (Abb. 12).

Abb.12: Alfons Mucha: Monaco Monte Carlo, 1897, 111x77cm, Farblithographie Typische Jugendstilmalerei mit der von Ornamenten sowie Blumenranken umgebenen Frau in einer Statuenähnlichen Pose.

Abb.12: Alfons Mucha: Monaco Monte Carlo, 1897, 111x77cm, Farblithographie
Typische Jugendstilmalerei mit der von Ornamenten sowie Blumenranken umgebenen Frau in einer Statuenähnlichen Pose.

Die in früheren Zeiten propagierten fleißigen Hausfrauen und auch das typisch Damenhafte wichen einem neuen Frauenbild. Die als tanzende Verführerin und Mörderin dargestellte Salome beispielsweise wurde einige Jahre zum Leitbild einer konstatierten zunehmenden Dekadenz.5 Sie wurde mit schlangen- und tigerhaften Geschmeiden dargestellt, worin weiterführend eine Verbindung zu der Symbolik der um das Gesicht herum schmeichelnden Haare sowie der Umrandung von Pflanzen und Ornamenten um den Körper herum zu sehen ist: Die Frau als nacktes, schillerndes Naturwesen, vergleichbar einem Tier, wie beispielsweise einer Schlange.6

Abb.13: Emile Lévy: Der Tod des Orpheus, 1866, Öl auf Leinwand, Louvre Paris.  Frauen, dargestellt als nackte, tanzende Mörderinnen, umgeben von Natur, teilweise umhüllt mit Schlangen.

Abb.13: Emile Lévy: Der Tod des Orpheus, 1866, Öl auf Leinwand, Louvre Paris.
Frauen, dargestellt als nackte, tanzende Mörderinnen, umgeben von Natur, teilweise umhüllt mit Schlangen.

Andere Gemälde des 19.Jahrhunderts stellten Frauen in die Tradition der antiken Mänaden, deren Name übersetzt so viel wie ,die Rasenden‘ bedeutet. Sie wurden mit gelösten Gewändern und Schlangen oder auch mit Raubkatzen oder Katzenfellen dargestellt7 (Abb. 14).

Abb. 14: Frederic Lord Leighton: Prozession zum Tempel der Diana, 1865-66, Öl auf Leinwand.

Abb. 14: Frederic Lord Leighton: Prozession zum Tempel der Diana, 1865-66, Öl auf Leinwand.

Des Weiteren wird durch die Darstellungen von Mänaden in Nähe zur Natur in vielen Darstellungen des 19. Jahrhunderts die Einheit von Frau und Natur gekennzeichnet, was durch Raubkatzen- und Schlangenandeutungen zudem die ‚Animalität’ der Frauengestalt unterstreicht8 (Abb. 15).

Abb. 15: Anselm Feuerbach: Ruhende Nymphe, 1870, Öl auf Leinwand. Die nackte Frau liegt inmitten in der Natur auf einem Tigerfell. Hier wird der Nymphenbegriff wieder aufgegriffen.

Abb. 15: Anselm Feuerbach: Ruhende Nymphe, 1870, Öl auf Leinwand.
Die nackte Frau liegt inmitten in der Natur auf einem Tigerfell. Hier wird der Nymphenbegriff wieder aufgegriffen.

So lässt sich nun die Brücke schlagen von den Rahmungen des Jugendstils, der Blütenornamentik, der schlingpflanzen- oder schlangenähnlichen Gewinde, hin zu den Frauenhaaren, welche symbolisch, schmuckhaft den Körper oder auch mal nur das Gesicht umschmeicheln; Frauenhaar als Ornament, das weibliche Sinnlichkeit ausdrücken soll. Künstlerische Formen der Frisur, der Locken, und das darin zu sehende Verführungsmittel gingen eine ambivalente Beziehung ein. Das Haar stellt Lockung und Fessel zugleich dar, ebenso wie die Gewänder als einerseits locker fallend aufzufassen sind, doch gleichzeitig den in Blumenranken oder ornamentalen Schmuckformen fixierten Körper präsentieren9 (Abb. 16/17).

Abb. 16: Gustav Klimt: Bildnis Baronin Elisabeth Bachofen-Echt, um 1914, Öl auf Leinwand, 180x128cm.

Abb. 16: Gustav Klimt: Bildnis Baronin Elisabeth Bachofen-Echt, um 1914, Öl auf Leinwand, 180x128cm.

Abb. 17: Robert Demachy: Junge Frau zwischen Blumen, 1899.

Abb. 17: Robert Demachy: Junge Frau zwischen Blumen, 1899.

Gegenwärtig werden nach wie vor Frisurenelemente aus der Zeit des Jugendstils getragen, ob dabei allerdings bewusst deren frühere Verbindung zu Verführung und Sexualität transportiert wird, ist fraglich; wobei beispielsweise Abbildung 18 dies durchaus vermuten lässt. Und das kollektive Bildgedächtnis transportiert solche Konnotationen durchaus, dies könnte die Vermutung bestätigen, dass wellig fallende Haare, leichtes Umschmeicheln von herausgelassenen Haaren bei Hochsteckfrisuren sowie natürlicher Haarschmuck und ornamentale Schmuckstücke auch heute vielfach als sinnlich, natürlich und zugleich verführerisch wahrgenommen werden.

Abb.18: Moderne Frisur im Stil des Jugendstils. Zu sehen sind Blumen, wie in den früheren Darstellungen, sowie eine sinnliche Kopfhaltung mit geschlossenen Augen und leicht geöffnetem Mund.

Abb.18: Moderne Frisur im Stil des Jugendstils. Zu sehen sind Blumen, wie in den früheren Darstellungen, sowie eine sinnliche Kopfhaltung mit geschlossenen Augen und leicht geöffnetem Mund.

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Abb. 19: Schauspielerin Sophia Bush mit modernen Jugendstil-Varianten

Abb.19/20: Schauspielerin Sophia Bush mit modernen Jugendstil-Varianten

Abb. 20: Schauspielerin Sophia Bush mit modernen Jugendstil-Varianten

Abb. 21: Schauspielerin Jessica Alba mit einer Flechtfrisur im Jugendstil

Abb. 21: Schauspielerin Jessica Alba mit einer Flechtfrisur im Jugendstil

Beitrag von Dagmar Heiß

1 Vgl. Andre Schüller: Erwachen der Sinne. Der Jugendstil in Zeitschriften. Kat.Ausst. Pfälzische Landesbibliothek, Speyer: Pfälzische Landesbibliothek, 2002, S. 5ff.
2 Vgl. Linda Koreska-Hartmann: Jugendstil – Stil der ,Jugend´. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1969, S. 21ff.
3 Vgl. Heinz Möller/Walter Domnick: Stilkunde. Frisurenkunde. Hamburg: Verlag Handwerk und Technik, 1966, S. 67ff.
4 Vgl. Linda Koreska-Hartmann: Jugendstil, a.a.O., S. 50/51.
5 Vgl. Dolf Sternberger: Sinnlichkeit um die Jahrhundertwende (1942), in Jost Hermand (Hrsg.): Jugendstil. 3. Auflage, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1992, S. 102/103.
6 Ebd. S.103.
7 Vgl. Alexandra Karentzos: Kunstgöttinnen. Mythische Weiblichkeit zwischen Historismus und Secessionen. Marburg: Jonas Verlag, 2005, S. 96/97.
8 Ebd. S. 99.
9 Vgl. Dolf Sternberger: Sinnlichkeit um die Jahrhundertwende (1942), in Jost Hermand (Hrsg.): Jugendstil. 3. Auflage, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1992, S. 105/106.

Abbildungen
Abb. 1: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2000 / Gruber, R.. VORLAGE: Kiesow, G., Baukunst in Hessen. Von der Romanik zur Moderne (Darmstadt 2000), S. 126.
Abb. 2-4: Max von Boehn: Die Mode. Eine Kulturgeschichte vom Barock bis zum Jugendstil., Bruckmann München 1976, S.251, 298, 303.
Abb. 5: The Yorck Project, Bild 1552 Abb.6: Dia-Lehrsammlung Wella.
Abb. 7/8: Heinz Möller/Walter Domnick: Stilkunde. Frisurenkunde. Handwerk und Technik, Hamburg 1966, S. 74/75.
Abb. 9: http://www.style2day.de/frisuren/frisuren-geschichte.html (zuletzt abgrufen am 29.07.14).
Abb.10/11: Marian I. Doyle: An Illustrated History of Hairstyles 1830-1930, Schiffer Book 2003, S. 65.
Abb. 12: Alfons Mucha – český mistr Belle Epoque, Czech master of the Belle Epoque. Ausstellungskatalog. Budapest 2009, hrsg. v. Marta Sylvestrová/ Petr Stembera. Brno 2009, S. 114.
Abb. 13: Kosinski, Dorothy: Orpheus in Nineteenth-Century Art. Michigan 1989.
Abb. 14: Jones, Stephen; Newall, Christopher u.a. (Hg.): Frederic, Lord Leighton. Eminent Victorian Artist. Austellungskatalog Royal Academy of Arts. London 1996.
Abb. 15: Ecker, Jürgen: Anselm Feuerbach. Leben und Werk. Kritischer Katalog der Gemälde, Ölskizzen und Ölstudien. München 1991.
Abb. 16: Hofmann, Werner: Gustav Klimt und die wiener Jahrhundertwende. Salzburg 1977, Abb. 61.
Abb. 17: Kunstphotographie um 1900. Die Sammlung Ernst Juhl., Ausstellung: 23.Juni bis 27. August 1989, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg 1989, S. 93.
Abb. 18: http://haselnussblond.blogspot.de/2013/06/pinterest-inspirationen-fur-feines-haar.html (zuletzt abgerufen am 29.07.14).
Abb. 19/20: http://fashion-de.net/frisuren-jugend-stil-sophia-bush-4346.html (zuletzt abgerufen am 29.07.14). Abb. 21: http://kaputtehaare.de/die-schoensten-frisuren-der-stars-2/ (zuletzt abgerufen am 29.07.14).

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