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Rokoko – Eine Stilrichtung europäischer Kunst und Mode

 Frisuren, Schminke und Mode spielten im Rokoko eine bedeutende Rolle. Das Rokoko ist eine europäische Stilrichtung der Kunst und der Mode, die in Frankreich ihren Ursprung hatte und häufig auch dem Spätbarock zugeordnet wurde, also die Zeit von etwa 1710 bis 1780 umfasst. Oft wird das Rokoko auch durch die Amtszeit von König Ludwig XV. und König Ludwig XVI. definiert.1 Das Wort Rokoko stammt von dem französischen Wort Rocaille‚ das Grottenwerk oder Muschelwerk bedeutet.2 Die Rocaille ist ein stilistisches Motiv, das sich in Kunst und Architektur widerspiegelt in Form von verschnörkelten, asymmetrischen Muscheldekorationen. Während im Barock hauptsächlich symmetrische Formen zu finden waren, sind Asymmetrien kennzeichnend für das Rokoko. Ein weiteres Merkmal ist Verwendung von zarten, hellen Pastellfarben in Kunst und Mode.3

Die Gesellschaft in der Zeit des Rokoko nutzte Schminke nicht nur, um bestimmte Merkmale hervorzuheben, sondern auch um Altersspuren zu maskieren.4 Das Make-up wurde sehr kontrastreich gestaltet. Die Blässe wurde mit weißer Schminke verstärkt und rote Elemente meist im Wangenbereich angebracht. Teleangiektasien, die ein Merkmal für dünne empfindliche Haut sind, wurden mit bläulichen Pinselstrichen noch zusätzlich hervorgehoben. So sollte ein zarter vornehmer Teint erreicht werden.5

Ebenso wurde lichtes Haar mit Perücken verdeckt.6 Die Perücke wurde in Perückenkästen aufbewahrt, diese ähnelten Schmuckschatullen. Solche Lackkästchen wiesen oft exotische Verzierungen auf, die gerade in Mode waren. Oft wurden chinesische Motive verwendet, wie der Fischfang oder Pagoden.7

Perücken und Puder

 Die Haarwäsche fand nicht in einer Form statt, wie wir sie heute kennen. Um den Fettglanz zu entfernen wurde Puder aufgetragen. Diese Technik ist mit Trockenshampoo zu vergleichen. Sofern Flüssigkeiten verwendet wurden, was seltener passierte, kam beispielsweise Brandwein anstatt Wasser zum Einsatz.8 Auch die Perücken wurden täglich gepudert. Dies war ein Luxussymbol, denn nur  Wohlhabende trugen ihre Frisuren mit weißlichem Puderfilm.

 2Abbildung 1: Carle Vernet: La Toilette d´un Clerc Procureur, 1768

In zahlreichen Karikaturen wurden diese Schönheitspraktiken des Puderns und der Perücken zum Ziel des Spotts. Carle Vernet stellt etwa eine Szene des Puderns dar, in der der übertrieben gezeigte Perückenmacher die Frisur eines Mannes einpudert.. Der Witz besteht darin, dass der Kunde, dessen feines, zum Zopf gebundene Haar eingepudert wird, in einer riesigen Puderwolke verschwindet und zudem mit der konischen Schutzmaske vor dem Gesicht wie ein komischer Vogel erscheint.

Solche Masken wurden meist aus Glas und Papier gefertigt. Das Pudern findet in der Karikatur nicht vor dem Toilettentisch statt, der auch Poudreuse genannt wird, 9 sondern in einem abgetrennten Raum, der sogenannten Puderkammer. Der Perückenmacher nimmt die Bestäubung mit einem Puderpuschel aus seidenen Fäden vor.10 Alternativ konnte auch ein Blasebalg oder eine aus Schwanenfedern bestehende Puderquaste verwendet werden. Der Perückenmacher hält in der Graphik zudem einen Puderbeutel, der meist aus Kalbsleder gefertigt wurde.

Die Überreste des Puders wurden nachher gewöhnlich mit einem Pudermesser aus Gold oder Silber von der Maske abgestrichen.11 Für die Herstellung des Puders wurden unterschiedlichste Lebensmittel verwendet. Bohnenmehl, Weizenmehl oder Stärke ergaben die beliebte Weißfärbung. Mandeln, Eichenmoos oder Kork wurden für dunklen Puder verwendet. Im 17. Jahrhundert entwickelte sich die Haarmode von blond über braun zu schwarz. Im Rokoko wurden aber dunklen Haarteile durch den Trend des weißen Haares immer seltener.12  Der Puder wurde zudem mit Duftnoten versetzt, beispielsweise mit Irispulver.13

Der durchschnittliche Verbrauch von einem halben Kilo Mehl pro Person in der Woche sorgte in Zeiten der Armut aber aufgrund der Verschwendung von Nahrungsmitteln für Proteste. Der Wert des Weizens stieg enorm, so dass dessen Verwendung als Perückenpuder 1740 in Paris verboten wurde. Die feine Gesellschaft wollte aber nicht auf die weiße Haarpracht verzichten, somit wurde nach Alternativen gesucht. Seitdem verwendete man entweder Gips oder fein gemahlene weiße Erde.14

Neben dem Puder spielte Parfum in der Zeit eine entscheidende Rolle, denn es sollte den Körpergeruch überdecken.15 Die Parfümeure kreierten dazu besonders starke Gerüche. Hierzu wurde beispielsweise Lavendel, Moschus oder Nelke verwendet. Im 18. Jahrhundert glaubte man, durch Waschungen mit Wasser würde die Haut aufgeweicht und Krankheitserreger könnten so über die Haut aufgenommen werden. Man glaubte sogar, Parfum habe eine reinigende Wirkung, die die Hautbarriere stärken könne. Dadurch, dass man sich nicht mit Wasser wusch, hatte der Adel genauso starken Körpergeruch wie der einfache Bürger – nur, dass die höheren Stände diesen durch enormen Parfumgebrauch zu übertünchen versuchten. Nicht nur der Körper wurde besprüht, sondern auch die negativen Gerüche der Raumluft sollten verdeckt werden. Man war der Ansicht, die reinigende Wirkung von Parfüm entferne Keime aus der Luft. Auf diese Weise wollte man sich vor Krankheiten schützen. Hierzu wurden Duftvasen mit Parfumessenz, Blumen, Rosenwasser, Kräutern oder Nelken gefüllt. Diese wurden gerne erwärmt, so dass sich der Dampf verbreiten konnte. Zudem wurden solche Präparate auch zum Putzen der Räumlichkeiten und zum Wäschewaschen verwendet.16

Frisurenmoden des Rokoko

Auch damals gab es schon Frisurentrends:  Für die in Mode gekommenen komplizierten Lockenfrisuren war ein Barbier oder Perückenmacher nötig.

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Abbildung 2: Allongeperücke (rechts) und Frisur á la Fontange (links), Jacob Gole: Het Gezicht, um 1695-1724, Druckgraphik, Rijksmuseum, Amsterdam

Haare und Haarteile wurden dazu papilottiert. Darunter versteht man auch heute noch das Aufwickeln der Haarspitze bis zum Haaransatz, wo sie dann mit Klammern befestigt werden. Damals wurde die Papilotte mit einem heißen Eisen haltbar gemacht. Diese zeitaufwendige Dienstleistung konnten sich nur Reiche und Adelige leisten. Nicht nur Frauen, auch Männer trugen solche Lockenfrisuren.

Ein Beispiel aus der Herrenmode nannte sich Cadenette, hier wurde an einer meist geflochtenen Strähne eine Schleife befestigt. Eine Strähne wurde über die linke Schulter nach vorn getragen. Das restliche Haar wurde lockig gestaltet.17

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Abbildung 3: „Perruquier Barbier, Perruques“ (Perückenmacher, Barbier), Ausschnitt, Kupferstich, aus: Denis Diderot/ Jean Baptiste le Rond d’Alembert: Encyclopédie, ou dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, Livorno 1771.

Hochangesehene Würdenträger zeichneten sich im Rokoko durch die Allonge-Perücke aus, 18 eine lockige Langhaarperücke mit Mittelscheitel und viel Ansatzvolumen.19

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Abbildung 4: englische Allongeperücke, John Vandervaart, William Wissing, Edward Cooper: Porträt des Königs Karl II. von England, Druckgraphik, 1674/1713, Institut für Kunstgeschichte der LMU

Diese hatte ihren Ursprung allerdings bereits 1655, zur Zeit von Ludwig XIV. (Abb. 5). Nachdem er aufgrund von androgenetischer Alopezie nur noch über eine Tonsur verfügte, beschloss er 48 Perückenmacher zu beschäftigen, welche daraufhin den königlichen Haarersatz kreierten.20

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Abbildung 5: Hyacinthe Rigaud: Louis XIV., 1701 (Detail), Öl auf Leinwand, 279 cm x 190 cm Musée du Louvre, Paris

Ein späterer Trend der Herrenmode bildete die perruque à crapaud, auch Beutelperücke genannt. Hier wurden im Vorderkopf Lockenknoten festgesteckt und der Hinterkopf anliegend nach hinten gekämmt und im Nacken zum Knoten gebunden. Am Knotenpunkt wurde nun eine Schleife befestigt.21

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Abbildung 6: Anonym: My Lord Tip-Toe Just Arrived from Monkey Land,veröffentlicht von Matthew Darly, 1771, Radierung, Metropolitan Museum, New York

Perruque á Crapaud trugen  in der Zeit oft Soldaten und etwas wohlhabendere Bürgerliche.22  In englischen Karikaturen wurde diese Mode karikiert, wie etwa in der Radierung „My Lord Tip-Toe Arrived from Monkey Land“ aus dem Jahr 1771. Der modische Mann, der offensichtlich von seiner Bildungsreise, der Grand Tour, aus Frankreich zurückkehrt und die Mode von dort adaptiert, erscheint in England völlig manieriert und übertrieben. Auch die Frisur wird übersteigert dargestellt, indem der vordere Teil in der Höhe übersteigert wird.

Um 1730 entstand in der Modehochburg Paris das Toupé. Dies bezeichnet keine ganze Perücke, sondern nur ein Haarteil am Vorder- und Oberkopf. So sollte lediglich das Erscheinungsbild des androgenetischen Haarausfalls, also Geheimratsecken und Tonsur, kaschiert werden. Das Toupé wird heute im 21. Jahrhundert immer noch eingesetzt.23

Um 1740 reichten die Locken zunächst bis über die Ohrläppchen. Nach 1760 bedeckte die Perücke nicht mehr die Ohren und es wurden Locken höher in Rollen gelegt, so genannte Boucles. Später waren in der Herrenmode Pigeons modern, hier wurden zwei oder drei seitliche Außenrollen gelegt.

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Abbildung 7: Anton Graff: Friedrich II. von Preußen, 1781/1786, Öl auf Leinwand, 62 x 51 cm, Schloss Charlottenburg, Berlin, Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten

Nach 1770 kommt es auch bei den Herren kurze Zeit zu etwas höher drapierten Frisuren, zeitlich parallel zu sehr extravaganten Damenfrisuren. Danach wurden die Frisuren wieder unauffälliger und weniger voluminös.24

Die Perückenmode wurde in England vor allem nach der Französischen Revolution karikiert, wie etwa in James Gillrays Szene aus einem Barbershop.

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Abbildung 8: James Gillray: ‚A barbers shop in assize time‘, 15 May 1818, veröffentlicht von George Humphrey, nach Henry William Bunbury, handkolorierte Radierung, 430 mm x 599 mm, National Portrait Gallery, London.

Die Herrenperücken ließen sich aber nicht nur anhand der Mode klassifizieren, sondern auch anhand des gesellschaftlichen Status’. Hierzu gab es die Perückenordnung. In dieser wurde beispielsweise vorgeschrieben, dass die Allongeperücke Geistlichen, angesehenen Kaufleuten oder Richtern vorbehalten sei. Wobei bei Geistlichen auch oft Samteinsätze am Oberkopf eingearbeitet wurden, um die Ehrfurcht zu Gott zu symbolisieren. Diese Variante wurde dann Abbé genannt. Künstler oder Philosophen schmückten sich meist mit der Crapaut-Perücke. Es gab allerdings auch eine Gesellschaftsschicht, denen das Tragen von jeglichen Perückenarten und auch das Pudern untersagt war. Hierzu zählten hauptsächlich die untersten Stände, wie etwa Waisen, die nicht selbst für ihren Lebensunterhalt aufkommen konnten, und Kellner im gastronomischen Bereich, so dass der Kontrast zum Gast deutlich wurde.25

 

Perücken und Politik

Kurz nach der Rokokozeit, also gegen Ende des 18. Jahrhunderts, wurden die sozialen Verhältnisse stark kritisiert, besonders die hierarchische Situation der Adeligen am Hof. Die Perücke wurde zum Sinnbild diese Hierarchie und wurde daher in Karikaturen lächerlich gemacht.

Diese Karikaturen hatten somit einen politischen Hintergrund. Die Perücke standen in diesem Zusammenhang für die alte Dynastie, die durch die Französische Revolution und Napoleon Bonaparte beseitigt worden war und in der so genannten Restaurationszeit wiederhergestellt werden sollte. Diese politische Situation galt es in den Karikaturen zu zu kritisieren. Es äußerte sich auf satirischen Bildern in Zeitungen oder auf Flugblättern, die beispielsweise Frauen mit übertriebener  Perückenhöhe zeigten oder Männer mit Cadenette, einer typischen Flechtfrisur. Der  Angriff galt besonders Menschen von höherem Stand, die durch Perücke und Zopf sofort erkennbar waren, wie etwa Staatsbeauftragte und Beamte, die dadurch ihre Machtposition demonstrierten. Indem kein direkter bildlicher Bezug auf die aktuelle Politik dargestellt wurde, sondern nur durch Frisuren und Mode, konnte die Meinung geäußert werden, ohne strafrechtlich verfolgt zu werden.

 

Außergewöhnliche Haarmode und karikierende Darstellungen

Im Rokoko wurden die Frisuren mit Haarteilen hoch aufgetürmt und mit Draht verstärkt. Frisiercremes und Pomaden sowie mehrmaliges Pudern sorgten für die Haltbarkeit. Der Adel beschäftigte seine Bediensteten mit der aufwendigen Frisurengestaltung. Dieses Schönheitsideal war sowohl äußerst unpraktisch, als auch unhygienisch. Jegliche Tätigkeiten wurden erschwert und waren nur eingeschränkt möglich. Auch ein erholsamer Schlaf sollte verwehrt bleiben, denn die Frisur musste erhalten bleiben, wenn keine Perücke getragen wurde. Durch den großen Arbeitsaufwand der Frisurenerstellung wurden diese erst nach mehreren Wochen erneuert.

1 Abbildung 9: Wery Gond of Night-Cap, um 1780

In der französischen Karikatur „Very Gond of Night-Cap (Abb. 8) wird die aufwändige, allabendliche Prozedur karikiert, die hohen Turmfrisuren mit riesigen Papphelmen über Nacht zu schützen. Die Bediensteten müssen sogar auf einer Leiter stehen, um das obere Ende der Frisur erreichen zu können. Die trichterförmige Schutzhaube muss dabei von zwei Bediensteten gleichzeitig übergestülpt werden.

Ein Herr im Schlafrock liegt der Dame zu Füßen. Seine ebenfalls hohe Lockenfrisur wird bereits von einem riesigen mit Schleifen verzierten Beutel geschützt. Auch die Dienstmädchen haben hohe Frisuren, aber der gesellschaftliche Status wird durch die enorme Frisurenhöhe der Dame in der Mitte deutlich. Die ironische Unterschrift zielt auf diese Modeübertreibung: „Welcher Mühen und Maßnahmen unterziehen sich unsere Damen, wenn sie schlafen gehen, um ihre Frisuren zu schonen.“26

 

Der Friseur als Künstler

Die Extravaganz fand aber erst 1778, also gegen Ende des Rokoko ihren Höhepunkt.

In den Anfängen des Rokoko kamen schlichtere Frisuren zum Einsatz. In der Damenmode wurde der heute noch sehr beliebte Chignon getragen, dieser wird als Knoten im Nackenbereich definiert.27Nach und nach wurden mehr Schleifen und Blüten zur Verschönerung eingesetzt, 1764 nahm das Volumen drastisch zu.28

Die Hurluberlu-Frisur war zu der Zeit sehr modern. Bei dieser Hochsteckfrisur sind die Locken hoch aufgetürmt, nur zwei offene Strähnen fallen seitlich nach vorn.

Die Fontange-Perücke ähnelte der aus der Herrenmode bekannten Allonge-Perücke. Die abgewandelte Damenfrisur beinhaltete den Einsatz von Haarteilen, Haarschmuck, Edelsteinen, Spitzenbändern und Federn. Dabei wurden auch verstärkt Drähte eingesetzt.29  Die kreativen Steckfrisuren hatten meist für das Rokoko typische asymmetrische und geschwungene Formen.30

Durch die Vielfalt an Haargestaltungen und mit zunehmender Komplexität der Frisuren, besonders im Damenfach, entwickelte sich der Beruf des Friseurs zum Kunsthandwerk. Legros de Rumigny, einer der ersten Friseure, der sich auf Damenhochsteckfrisuren spezialisierte und am französischen Hof arbeitete, veröffentlichte im Jahr 1765 das Fachbuch „L’Art de la Coiffure des Dames Françaises“.31 Er gründete zudem die Académie des Coiffures und etablierte damit das Friseurhandwerk, denn dort konnten zukünftige Friseure an Modellen trainieren. Legros de Rumigny stellte seine neuesten Kreationen sogar auf Ausstellungen vor, so dass viele die Frisuren nachahmten und es 1769 bereits 1200 Friseure allein in Paris gab.32 Durch den Wettbewerbsdruck unter Handwerkern, oder besser gesagt unter Künstlern, nahmen die Frisuren und Perücken solche Ausmaße an, dass es grenzwertig war, deren Gewicht auf den Kopf zu tragen.33

Die Frisuren ragten bis zu siebzig Zentimeter hoch und wurden durch Kissen aus Wolle, Draht und Haarersatz unterfüttert. Um 1770 frisierte man das Haar meist streng zurück zu einem hohen ovalen Gebilde. Ab 1778 wurden diese auch zum Gesicht hin voluminöser frisiert und der äußere Frisurenumriss wurde weiter gehalten.

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Abbildung 10: Jean François Janinet nach einem Gemälde von Jean-Baptiste-André Gautier Dagoty: Bildnis Marie Antoinette, Königin von Frankreich, 1777, Farbaquatinta, 400 x 312 mm, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstich-Kabinett.

Eine berühmte Trägerin dieser Frisuren war Marie Antoinette. Sie heiratete Ludwig XVI. und sorgte als junge Königin für viel Aufsehen durch den extravaganten Haarschmuck. Mit ihrer Haarpracht passte sie der Überlieferung nach nicht einmal mehr in die Kutsche. So musste sie einen Teil für die Fahrt abnehmen oder, wie einige andere es taten, den Kopf aus dem Fenster stecken. Kritikern zufolge glich ihr Erscheinungsbild eher einer Darstellerin im Theater, als dem einer französischen Königin. Ihr Friseur Léonard gelangte im Rokoko zu beachtlicher Berühmtheit.

Auch die Herzogin von Devonshire sorgte zu dieser Zeit für einen unvergesslichen Auftritt mit 120 cm langen Straußenfedern als Haarschmuck.  Die Herzogin von Chartres ließ sogar Figuren ihrer Familie in die Perücke einbauen. 34 Für Marie Antoinette wurde im Jahr 1778 die alles übertrumpfende Frisur á la Belle Poule kreiert, hier wurde zum Sieg Frankreichs über England ein Segelschiff in die Haarpracht eingearbeitet. 35

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Abbildung 11: Anonym: Coiffure à l’Indépendance ou le Triomphe de la Liberté (Coiffure á la „Belle Poule“), 1778, Blérancourt, musée franco-américain du château de Blérancourt

Eben solche Frisuren wurden später in zahlreichen Karikaturen ironisiert. Man scherzte gerne, dass sich der Kopf der Damen in der Körpermitte befindet.

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Abbildung 12: Anonym: Lady All-Top, London: herausgegeben von J. Lockington, May 15, 1776. Radierung und Stich.

Im Theater wurden im Jahr 1779 Hochfrisuren gar verboten, um den anderen Gästen freie Sicht zu gewährleisten. Auch die Zeitungen starteten Kampagnen gegen diese Frisuren, vor allem da sich Ungeziefer in diesen einnistete. Aus diesem Grund baute man auch Flohfallen in die Perücken ein. Letztendlich verschwand die Hochfrisur unmittelbar vor der französischen Revolution aus der Mode.36

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Perücke eine wichtige Rolle im Rokoko einnahm und die Perückenmode in der Karikatur auch politisch eingesetzt wurde. Die Perücke galt auch später noch als Zeichen des Rokoko und stand zur Biedermeierzeit und im Vormärz für die veraltete und überholte Rokokozeit.

Die karikierenden Darstellungen prägten die Vorstellung über die Menschen im Rokoko, obwohl diese meist erst später entstanden sind.37 So kam es zu der paradox klingenden Bezeichnung „Rokokomalerei des 19. Jahrhunderts“.38

Die Perücke wurde nicht nur zum Symbol des politischen Konflikts, sondern auch des künstlerischen. Künstler des Realismus im 19. Jahrhundert richteten sich gegen die Diskriminierung aufgrund von Klassenunterschieden. Sie kämpften somit auch gegen die Symbolik der Perücke, die im übertragenen Sinn für die Überlegenheit gegenüber dem Bürgertum steht.39

Jennifer Krach/Red. 

Literaturverzeichnis

  1. Warncke, Babette Marie (1995): Rokoko – Mode. Rokokorezeption in der Deutschen Malerei des 19. Jahrhunderts. Inaugural-Dissertation Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. S. 20-21.
  2. Ebd.
  3. Ludwig Könemann (Hrsg.): Kunst. Architektur-Malerei-Kunst. Barock und Rokoko. Bath: Parragon. S. 313.
  4. Jeggle, Utz ( 1978): Alltag. Einst und dort. In: Bausinger. Hermann (Hrsg.): Grundzüge der Volkskunde. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. S. 108.
  5. Jedding- Gesterling, Maria (1988): Regence, Rokoko und Louis XVI. In: Jedding- Gesterling, Maria (Hrsg.): Die Frisur eine Kulturgeschichte der Haarmode von der Antike bis zur Gegenwart. München: Callwey Verlag. S. 120.
  6. Stoltz, Susanna (1992): Die Handwerke des Körpers. Bader, Barbier, Perückenmacher, Friseur. Folge und Ausdruck historischen Körperverständnisses. Marburg: Jonas Verlag. S. 164.
  7. Jedding- Gesterling, Maria: Regence, Rokoko und Louis XVI. A. a. O. S. 127.
  8. Stoltz, Susanna: Die Handwerke des Körpers. Bader, Barbier, Perückenmacher, Friseur. Folge und Ausdruck historischen Körperverständnisses. a. a. O. S. 157.
  9. Ebd. S. 161.
  10. Ebd. S.159-160.
  11. Jedding- Gesterling, Maria: Regence, Rokoko und Louis XVI. A. a. O. S. 124-125.
  12. Stoltz, Susanna (2003): Friseurhandwerk. In: Wella Museum. Eine Kulturgeschichte der Körperpflege. Heidelberg: Edition Braus im Wachter Verlag. S. 111.
  13. Jedding- Gesterling, Maria: Regence, Rokoko und Louis XVI. A. a. O. S. 124.
  14. Ebd. S. 126.
  15. Stoltz, Susanna: Die Handwerke des Körpers. Bader, Barbier, Perückenmacher, Friseur. Folge und Ausdruck historischen Körperverständnisses. a. a. O. S. 157.
  16. Sigrid Schwab (2003): Duft und Parfum. In: Wella Museum. Eine Kulturgeschichte der Körperpflege. Heidelberg: Edition Braus im Wachter Verlag. S. 89-92.
  17. Stoltz, Susanna: Die Handwerke des Körpers. Bader, Barbier, Perückenmacher, Friseur. Folge und Ausdruck historischen Körperverständnisses. a. a. O. S.162.
  18. Jedding- Gesterling, Maria: Regence, Rokoko und Louis XVI. A. a. O. S. 126.
  19. Stoltz, Susanna: Die Handwerke des Körpers. Bader, Barbier, Perückenmacher, Friseur. Folge und Ausdruck historischen Körperverständnisses. a. a. O. S.166.
  20. Herzig, Gustav (1978): Die Frisur im Wandel der Zeit. Ein Streifzug durch die Jahrhunderte. Schwetzingen: Fabrik für Haarwaren und Friseurbedarf. S. 53.
  21. Stoltz, Susanna: Die Handwerke des Körpers. Bader, Barbier, Perückenmacher, Friseur. Folge und Ausdruck historischen Körperverständnisses. a. a. O. S.166.
  22. Jedding- Gesterling, Maria: Regence, Rokoko und Louis XVI. A. a. O . S. 126.
  23. Ebd. S. 127.
  24. Ebd. S. 127-128.
  25. Ebd.. S. 128-131.
  26. dazu Schwarzkopf, Kurt: Die Sammlung Schwarzkopf, Hamburg 1965, S. 61.
  27. Stoltz, Susanna: Die Handwerke des Körpers. Bader, Barbier, Perückenmacher, Friseur. Folge und Ausdruck historischen Körperverständnisses. a. a. O. S.167-168.
  28. Jedding- Gesterling, Maria: Regence, Rokoko und Louis XVI., a. a. O. S. 120.
  29. Stoltz, Susanna: Die Handwerke des Körpers. Bader, Barbier, Perückenmacher, Friseur. Folge und Ausdruck historischen Körperverständnisses. a. a. O. S.167-168.
  30. Jedding- Gesterling, Maria: Regence, Rokoko und Louis XVI. A. a. O. S. 119.
  31. Stoltz, Susanna: Die Handwerke des Körpers. Bader, Barbier, Perückenmacher, Friseur. Folge und Ausdruck historischen Körperverständnisses. a. a. O. S.170-171.
  32. Jedding- Gesterling, Maria: Regence, Rokoko und Louis XVI. A. a. O. S. 136.
  33. Stoltz, Susanna: Die Handwerke des Körpers. Bader, Barbier, Perückenmacher, Friseur. Folge und Ausdruck historischen Körperverständnisses. a. a. O. S.170-171.
  34. Jedding- Gesterling, Maria: Regence, Rokoko und Louis XVI., a. a. O. S. 137.
  35. Ebd. S.139.
  36. Ebd. S. 136-148.
  37. Warncke, Babette Marie: Rokoko – Mode. Rokokorezeption in der Deutschen Malerei des 19. Jahrhunderts, a. a. O. S. 85-93.
  38. Ebd. S. 95.

Abbildungsnachweise

Abbildung 1: aus: Stoltz, Susanna (1992): Die Handwerke des Körpers. Bader, Barbier, Perückenmacher, Friseur. Folge und Ausdruck historischen  Körperverständnisses. Marburg: Jonas, S. 160.

Abbildung 2: https://www.rijksmuseum.nl/en/collection/RP-P-2001-193 (zuletzt abgerufen 25.6.2016)

Abbildung 3: Denis Diderot/ Jean Baptiste le Rond d’Alembert: Encyclopédie, ou dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers, Livorno 1771, Tafel 1894 und 1985, 1762-1777, in: Stoltz, Susanna (1992): Die Handwerke des Körpers. Bader, Barbier, Perückenmacher, Friseur. Folge und Ausdruck historischen  Körperverständnisses. Marburg: Jonas, S. 191.

Abbildung 4: http://artemis.uni-muenchen.de/ (zuletzt abgerufen 25.6.2016)

Abbildung 5: aus: Andreas Beyer: Das Porträt in der Malerei. München 2002, S. 136, Abb. 144.

Abbildung 6: aus: Fehlmann, Marc / Verwiebe, Birgit (Hrsg.): Anton Graff: Gesichter einer Epoche, Ausst.-Kat. Alte Nationalgalerie, Berlin, München: Hirmer 2013, S. 129.

Abbildung 7:http://www.metmuseum.org/art/collection/search/395531 (zuletzt abgerufen 25.6.2016).

Abbildung 8: http://www.npg.org.uk/collections/search/portrait/mw63587/A-barbers-shop-in-assize-time

Abbildung 9: aus: Stoltz, Susanna (1992): Die Handwerke des Körpers. Bader, Barbier, Perückenmacher, Friseur. Folge und Ausdruck historischen  Körperverständnisses. Marburg: Jonas, S. 147.

Abbildung 1o: http://skd-online-collection.skd.museum/de/contents/show?id=542465

Abbildung 11: http://art.rmngp.fr/fr/library/artworks/coiffure-a-l-independance-ou-le-triomphe-de-la-liberte_perle-materiau_estampe-coloriee (zuletzt abgerufen 25.6.2016).

Abbildung 12: https://www.library.yale.edu/walpole/programs/hair.html

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