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Mode im Mittelalter (ca. 500-1500 n.Chr.) und die Haute Couture 2015 —
Einblicke in die Sammlung des Hessischen Landesmuseums Darmstadt

„Vor vielen Jahren lebte ein Kaiser, der so ungeheuer viel auf neue Kleider hielt, dass er all sein Geld dafür ausgab, um recht geputzt zu sein. Er kümmerte sich nicht um seine Soldaten, kümmerte sich nicht um das Theater und liebte es nicht spazieren zu fahren, außer um seine neuen Kleider zu zeigen. Er hatte einen Rock für jede Stunde des Tages, und ebenso, wie man einem Könige sagt, er ist im Rate, sagte man hier immer: ,Der Kaiser ist in der Garderobe!‘“1

Ebenso wie in dem Märchen Des Königs neue Kleider von Hans Christian Andersen kam auch im Mittelalter der Kleidung innerhalb der Ständeordnung Europas eine besondere Bedeutung zu. Kleidung wurde nicht nur aus schützenden Gründen getragen, vielmehr ging es dabei um die Art und Weise etwas zu tragen – also das ,Was‘ und ,Wie‘.2
Dass dieses allerdings heute nicht mehr ganz präsent ist, zeigte sich nach einer Museumsrallye mit Schülerinnen und Schülern im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt. Hier kamen Fragen auf wie beispielsweise: Warum trugen deutsche Frauen lange Gewänder oder Kopftücher? Gerade diese Fragen zeigen, wie sehr unsere heutigen Vorstellungen von mittelalterlicher Mode durch die aktuellen Medien beeinflusst werden. Beliebte Serien wie Game of Thrones oder Blockbuster wie Herr der Ringe greifen bestimmte Elemente oder Stile dieser Epoche auf, gleichen sie aber dem heutigen Modegeschmack an und vermitteln auf diese Weise einen eher zeitgenössischen Blick auf das Mittelalter. Doch um dies zu verstehen, müssen erst die Mode dieser Epoche selbst sowie die Situation der damaligen Gesellschaft verstanden werden.

Von Ständen, Kleiderordnungen und den Machenschaften der Kirche ….

Zunächst einmal lässt sich aber feststellen, dass sich die Epoche ,Mittelalter‘, ebenso wie auch andere Epochen, zeitlich nur sehr schwer eingrenzen lässt. Zum einen, weil der Begriff ,Epoche‘ meist einen längeren Zeitraum um wichtige historische Einschnitte beschreibt und somit kein genauer Anfang und kein genaues Ende feststeht. Zum anderen aber auch deshalb, weil sich die ,typischen Stile‘ und die Ideen der mittelalterlichen Kultur mehr oder weniger zeitverzögert über ganz Europa ausgebreitet haben.3 Nach dem Geschichtswissenschaftler Peter Hilsch kann die Epoche des Mittelalters deshalb nur als der ungefähre Zeitraum zwischen 500 und 1500 n.Chr. beschrieben werden. Diesen Zeitraum unterteilt er weiterhin in unterschiedliche Zeitabschnitte, wie das Frühmittelalter (ca. 5./.6 -10. Jahrhundert), das Hochmittelalter (ca. 10.-13. Jahrhundert) und das Spätmittelalter (ca. 13.-16. Jahrhundert).4
Während des Mittelalters herrschen verschiedene Königsdynastien. Angefangen von dem alleinherrschenden Kaiser Konstantin dem Großen, der den Übergang zur neuen Epoche einleitet, über die ,Merowinger‘, ,Karolinger‘, ,Sachsen‘ , Salier‘ und ,Staufer‘, bis hin zu den ,Habsburgern‘ etc.5 Als Kaiser Konstantin der Große zu Beginn des 4. Jahrhunderts dann zum Christentum übertritt, stellt sich ein enormer historischer Wandel ein. Von nun an erlangt die katholische Kirche mehr und mehr das Ansehen der Gesellschaft und der nachfolgenden Herrscher. Diese arbeiten nun eng mit den Gelehrten zusammen und formulieren im Laufe der Zeit neue Gesetzte, wodurch die Kirche zunehmend mehr Macht erlangt.6 Der Historiker Richard W. Southern stellt dazu fest: „Der weltliche Herrscher wurde von seiner erhabenen Stellung von gleichsam priesterlichem Glanz herabgestoßen, der Papst beanspruchte neue Macht, sowohl in geistlichen wie auch in weltlichen Angelegenheiten einzugreifen und sie zu lenken […].“7 Es stellt sich dadurch eine neue Ständegesellschaft ein, nach welcher der Klerus, also die Gelehrten und Geistlichen wie der Papst und Bischöfe, den obersten Stand mit dem höchsten Ansehen belegen. Zum mittleren Stand zählen die Adeligen bzw. Ritter und zum untersten und unbedeutendsten Stand die Bauern und ,normalen‘ Bürger.8 Die Kirche, die nun eine feudale Macht besitzt, versucht ihre Glaubensrichtung weiter zu verbreiten und den Andersgläubigen den katholischen Glauben sozusagen aufzuzwingen. Dies geschieht über brutale Kreuzzüge während des Hochmittelalters (ca. 11.-13-Jahrhundert), die sich vor allem gegen Staaten des ,Orients‘ richten, um die dort lebenden muslimischen Glaubensanhänger zu missionieren.9 Durch die Kreuzzüge werden aber auch neue Stoffe und Farben in das heutige Deutschland importiert, worauf aber später noch einmal genauer eingegangen wird.
Die Textilien verweisen dabei auf die sich zusätzlich etablierenden Kleiderordnungen, die den Ständen entsprechend angepasst wurden. Der Ursprung dieser Kleiderordnungen ist nach dem Historiker Jan Keupp auf den Kaiser Karl des Großen zurückzuführen, welcher „[…] erstmals seit Beginn der neuen Epoche einzelne Kleidungsstücke ins Visier gesetzlicher Bestimmungen [nahm].“10 Weiterhin erklärt er, dass diese mit der Zeit von weiteren Herrschern und der Kirche immer wieder aufgegriffen und etwas abgeändert wurden. Dementsprechend mussten sich die Menschen also ihrem zugehörigen Stand nach kleiden. Wurden die Regeln nicht eingehalten oder die Grenzen überschritten, so drohten den Gesetzesbrechern entsprechende Strafen.11 Hier kommt daher auch die These „Kleider machen Leute“ zum Tragen. Zu dieser Zeit war es also tatsächlich so, dass die Leute über die Kleidung näheres zur Person wie etwa Beruf, Stand oder Reichtum erfahren konnten. Wie aber sahen die Moden der jeweiligen Schichten nun aus?

Zur These „Kleider machen Leute“…

Zunächst einmal veränderten sich die Moden während des Mittelalters ständig, was auch an den sich ständig verändernden Kleiderordnungen lag. In den Anfängen dieser Zeit waren zunächst noch die togaartigen Gewänder der byzantinischen Zeit populär. Ein Beispiel hierzu zeigt das nachstehende Werk Fragment einer Himmelfahrt aus dem 9. Jahrhundert.

 

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 Abb. 1: Unbekannter Künstler: Fragment einer Himmelfahrt, Anfang 9. Jahrhundert, Elfenbein, 14cm x 9,3cm, aus der Sammlung Hüpsch der Hofschule Karl des Großen, Hessisches Landesmuseum Darmstadt.

 

Dargestellt ist das Ereignis der Himmelfahrt Christi, bei dem Jesus Christus im Beisein seiner Jünger und Maria vierzig Tage nach seiner Auferstehung von den Toten in den Himmel aufgestiegen sein soll.12 Im Vordergrund mittig ist Maria zu erkennen und um sie herum die Jünger als weitere Zeugen der Auferstehung. Die Gesten und Haltungen der dargestellten Personen verweisen auf den in den Himmel aufsteigenden Jesus, der bei diesem Werk leider nicht mehr vorhanden ist. Bei genauerem Betrachten der Kleidung werden die eben erwähnten togaartigen Gewänder sichtbar. Die Toga als solche galt in der römischen Antike als besonderes Kleidungsstück, das vorwiegend von den freien römischen Bürgern oder römischen Herrschern getragen werden durfte. In ihrem Werk Die Geschichte des Kostüms erklärt Erika Thiel, dass die Toga das „Zeichen des freien römischen Bürgers und somit ein Privileg [war], das den Römer gegenüber den unterdrückten Völkern auszeichnete.“13 Das Gewand bestand aus einem einzigen, langen, ovalen Stück Stoff, das nach speziellen Wickeltechniken um dem Körper gelegt wurde, sodass bis auf den rechten Arm fast der ganze Körper bedeckt wurde. Durch das Umwickeln des Körpers entstand auch der typische Faltenwurf, der ähnlich wie der der Kleidung auf dem oben gezeigten Werk aussah. Mit dem allmählichen Verfall des römischen Reiches verlor dann auch die Toga nach und nach ihre Bedeutung, weil auch in anderen Gebieten zunehmend mehr Menschen diese römische Tracht übernahmen.15 Als ihren Nachfolger ließe sich das ,Pallium‘ in Kombination mit einer langen ,Tunika‘ bezeichnen. Dabei handelt es sich um einen kürzeren Überwurf, der über der Tunika, einem bodenlangen Untergewand, getragen wurde.16 Dieses wurde auch später in vielen christlichen Darstellungen des Mittelalters abgebildet, wobei das oben gezeigte Bild eine Mischung aus ,Toga‘, ,Pallium‘ und ,Tunika‘ darstellt. Besonders gut zu erkennen ist dies an Marias Gewand, welches aus einem längeren Gewand und einem lockeren togaartigen Überwurf besteht. Neben der sich weiterentwickelnden, immer reicher verzierten byzantinischen Mode, welche auch neue Stoffe wie Seide hervorbrachte, trugen die Menschen im Nord-Westen des heutigen Europas eher Fell- und Wollkleidung.17 Die Männer waren in Hosen, Kittel und Mäntel und die Frauen eher in tunika-ähnlichen Überwürfen gekleidet.18
Wie es das Werk Fragment einer Himmelfahrt bereits zeigt, wurden während des Mittelalters sowohl Elemente aus der germanischen, als auch byzantinischen Tracht aufgegriffen und miteinander vermischt. So behielten Männer der oberen Schichten bis Anfang des 10. Jahrhunderts die germanischen Trachten bei. Diese bestand aus den besagten langen Hosen mit Beinbinden an den Unterschenkeln, einem kurzen Hemdrock und einem Mantel, der über der rechten Schulter mit einer Spange gehalten wurde.19 Die adligen Frauen orientierten sich hingegen eher an der römisch byzantinischen Mode. Sie trugen ein Hemd als Untergewand unter einer langärmeligen Tunika. Zum Ausgehen gab es einen zusätzlichen Mantel der auch ,Palla‘ genannt wurde.20 Immer beliebter wurde zudem der aus Byzanz stammende Stoffe mit reichen Verzierungen und bunten Farben sowie mit Edelsteinen oder Stickereien besetzte Borten.21 Diese reich verzierten Gewänder und teure Stoffe waren während des gesamten Mittelalters allerdings eher den oberen Schichten der Könige, Kaiser, dem Klerus und den Adligen vorbehalten. Zudem spielten auch die Farben, die durch Beutezüge und später auch die Kreuzzüge aus Byzanz mit in das heutige Westeuropa importiert wurden, eine besondere Rolle.22 Sie kennzeichneten den besonderen Status einer Person. Besonders beliebt bei den Geistlichen und dem Adel waren die Farben Rot und Purpur.23 Da hier allerdings nicht genauer auf die Bedeutung der Farben im Mittelalter eingegangen werden soll, können hier nähere Informationen dazu eingeholt werden.
Im Gegensatz zu der prunkvollen Kleidung der Oberschicht konnten sich die niederen Schichten jedoch nicht einmal Hosen leisten. Wie Erika Thiel beschreibt, war es den ärmeren Schichten beispielsweise verboten „[…] mehr als sechs Ellen Stoff für ihre Kleider zu verarbeiten.“24 Der untere Stand trug hiermit also oft kürzere, recht einfache, unverzierte Tuniken oder Überwürfe. Ebenso durften Bauern und ,normale‘ Bürger nur einfache Stoffe in Erdtönen und Schwarz tragen.25 Auf dieser Basis entstand vermutlich auch das Sprichwort „gut betucht sein“, denn je mehr Stoff eine Person während des Mittelalters trug, umso reicher war sie und umso höher war ihr Stand.26
Während des Hochmittelalters verschärften sich die Kleiderhierarchien durch den Einfluss der Kirche und auch die Schichten differenzierten sich dadurch stärker voneinander. Für die obersten Schichten des Adels und des Klerus war es von nun an sowohl für die Frau, als auch für den Mann Pflicht, bodenlange Kleidung zu tragen.27 Der Sinn und Zweck davon war es, nach dem christlichen Glauben den Körper weitestgehend zu verhüllen. Die zuvor recht weit gehaltenen Hosen des Mannes wurden enger und verschwanden unter den Gewändern. Diese Gewänder bestanden zunehmend aus immer teureren Stoffen und wurden sogar mehrschichtig getragen.28 Die neue Männermode der oberen Stände setzte sich somit aus engen Hosen, einer bodenlangen Tunika, einem kürzeren Übergewand und evtl. aus einem über der rechten Schulter zusammengehaltenen Mantel zusammen. Im Verlauf des Mittelalters wurde der Mantel des höher gestellten Mannes zudem immer länger.29 Ein bildhaftes Beispiel für die Männermode des Hochmittelalters zeigt hier ein Teil der Außenseite der Wormser Tafeln.

 

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Abb. 2: Unbekannter Künstler: Die Wormser Tafeln, Mittelrhein um 1260, Eichenholz/ Ahornholz, 114cm x 72cm, aus der Johanneskirche in Worms, Hessisches Landesmuseum Darmstadt.

 

Auf dieser Tafel ist der heilige Stephanus in der für diese Zeit typischen Kleidung dargestellt. Er ist dem von ihm links stehenden heiligen Nikolaus zugewandt. Dieser wird auf der hier nicht sichtbaren rechten Tafelaußenseite präsentiert. Der heilige Stephanus ist auf Goldgrund unter einem romanischen Rundbogen dargestellt und trägt eine goldene Mitra und einen Heiligenschein. Über dem Rundbogen ist eine Stadt – vermutlich die Stadt Jerusalem – zu sehen. In seiner linken Hand hält der heilige Stephanus eine goldene Bibel und in seiner rechten einen goldenen Bischofsstab. Er trägt eine bodenlange Tunika aus weißem um schwarzem Stoff, auf welcher sich grünumrandete rote Punkte befinden. Darüber trägt er ein kürzeres rotes Übergewand, das mit einer Borte im Schulterbereich abschließt. Eine weitere Borte ist an dem Übergang zwischen schwarz-gepunktetem und weißem Stoff der Tunika zu finden. Interessant ist hier, dass mehrere Stoffe mit verschiedenen Mustern und Farben in einer Tunika abgebildet sind. Die ,zusammengenähten‘ Stoffe zeugen hier vor allem von dem im Mittelalter aufkommenden Schneiderhandwerk.30 Durch diese Neuerung war es möglich, Stoffe verschiedenster Art miteinander zu kombinieren. Die besondere Farbgebung transportiert hier wieder eine für das Mittelalter bestimmte Bedeutung. Die Farbe Rot des Übergewandes beispielsweise galt als die Farbe des ,höchsten Himmels‘ und Farbe der Herrscher.31 Zudem ist am Schulterteil des Übergewands eine Zierborte sichtbar. Da diese nur noch zu einem Teil sichtbar ist, lassen die noch links oben sichtbaren Formen darauf schließen, dass es sich hier um eine mit Edelsteinen besetzte Borte handelt. Die Borte der Tunika gleicht diesem Muster, weshalb die Vierecke und Punkte ebenfalls wertvolle Edelsteine sein könnten, die den besonderen Wert der abgebildeten Person unterstreichen.
Im Vergleich zur Kleidung der Herren änderte sich vor allem die der Damen der oberen Schichten bis zum Ende des Hochmittelalters enorm. Von den anfänglich sehr weiten Gewändern wandelte sich die Kleidung in dieser Zeit zu eng anliegenden, figurbetonten Kleidern – die Taille wurde erfunden.32 Dazu wurden von nun an Korsett-ähnliche Schnürungen sowie Knöpfe und Knopflöcher eingearbeitet. Die Ärmel der Kleider wurden weiter, bis hin zu den enorm weiten Hängeärmeln. Zusätzlich wurde meist auch eine Schleppe getragen.33 Zudem trugen Frauen zunehmend Kopfbedeckungen, wobei es auch hier bestimmte Vorschriften gab. Um mehr über die Kopfbedeckungen oder Frisuren des Mittelalters zu erfahren, einfach hier klicken.
Die Mode der unteren Schicht veränderte sich im Mittelalter hingegen kaum. Die Frauen trugen weiterhin ihre weiten, unförmigen Hemdkleider und die Männer einfache Übergewänder aus Leinen, die auch ,Glocke‘ genannt wurden.34 An ihrem Schulterteil war eine Kapuze angebracht, die ,Gugel‘ genannt wurde. Zudem trug, wer es sich leisten konnte, unter den Hemdkleidern auch weite Hosen.35
Im Spätmittelalter verlor die Kirche zunehmend an Glaubwürdigkeit und Ansehen. Erika Thiel schreibt hierzu: „Auch die Stellung der Kirche […] war ins Wanken geraten. Der Papst, das allmächtige und ,unfehlbare‘ Oberhaupt der Christenheit, war in Avignon kaum mehr als ein Gefangener der französischen Könige.“36 Diese Veränderung wirkte sich auch auf die Mode des Spätmittelalters aus. Vor allem bei den Frauen der oberen Schichten zeigte sich dies an den weiter werdenden Ausschnitten, die zuvor durch die christliche Kirche verpönt waren. Zudem wurde unter dem Kleid ein Brustband angelegt, das die Brüste anhob, um das Dekolleté besser zur Geltung zu bringen – eine Art Vorläufer des BHs also.37 Aus dem zunächst einteiligen Kleid entstand überdies ein zweiteiliges Outfit, bestehend aus Rock und Mieder. Diese Zweiteilung der Damenkleidung ermöglichte es, dass sich erstmals Ober- und Unterteil unabhängig voneinander entwickeln können.38 Der linke Flügel des Dreifaltigkeitsaltars kann als ein Beispiel für spätmittelalterliche Kleidung herangezogen werden.

 

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Abb. 3: Ulrich Mair von Kempten: Dreifaltigkeitsaltar, 1482, Laub- und Nadelholz, Hessisches Landesmuseum Darmstadt.

 

Dargestellt ist das Martyrium der heiligen Ursula. Zu sehen sind in der Mitte die heilige Ursula und rechts hinter ihr weitere Jungfrauen. Im Vordergrund ist ihr sterbender Ehemann abgebildet und links von ihm die Besatzungsmitglieder. Alle sitzen im selben Boot und werden von Hunnen angegriffen und getötet. Diese sind weiter links und rechts im Hintergrund mit Pfeil und Bogen zu erkennen. Den oberen Teil des Bildes füllt vermutlich die Abbildung der Stadt Köln, in die sie nach ihrer Pilgerfahrt nach Rom wieder zurückgekehrt sein soll. Die heilige Ursula ist hier in für das Spätmittelalter äußerst modischer Kleidung dargestellt. Sie trägt ein figurbetontes, tailliertes, rotes Überkleid, das auch ,houppelande‘ oder ,robe‘ genannt wurde.39 In der Taille ist es mit einer goldenen Kordel zusammengebunden um diese besser zu betonen. Ebenso trägt sie hier die weiten Hängeärmel, welche bereits zur Zeit des Hochmittelalters modern waren und sogar bis zum Boden reichen konnten.40 Kennzeichnend für dieses Kleides ist vor allem der V-förmige, mit Pelz besetzte, tiefe Ausschnitt,41 in dem ihr blaues Untergewand (das Hemd) sichtbar ist. Im Gegensatz zu den vorherigen Jahrhunderten ist das Kleid viel weiter ausgeschnitten und mit einem Goldrand verziert. Zusätzlich trägt die Heilige einen modischen ,Tassel- bzw. Nuschenmantel‘, der über den Schultern durch zwei ,Tasseln‘ und einer ,Tasselschnur‘ zusammengehalten wird.42 Die Kleider der Jungfrauen im Hintergrund des Bildes repräsentieren die einfacheren Formen dieser Mode ohne Pelzverzierungen oder anderen Kleidungsschmuck. Der Heidenkönig im Vordergrund zeigt die vom Hochmittelalter an übliche Tragweise des Mantels, der nun in der Mitte zwischen beiden Schultern – also unter dem Kinn – geschlossen wird.43 Eine zusätzliche Entwicklung der Männermode war zudem, dass das Obergewand immer kürzer wurde. Es entstand die Schecke.44 Darunter wurde auch das so genannte ,Wams‘, das auch als alleiniges Obergewand getragen werden konnte, in Kombination mit farbigen Strumpfhosen getragen.45 Eine weitere wichtige Moderichtung dieser Zeit war zudem die ,Zaddelmode‘. Diese ,Zaddeln‘, die am Rocksaum oder am unteren Rand der Ärmel angebracht sind, bestehen aus einzelnen langen Stoffstreifen. Sie können aus verschiedenen Materialien bestehen und sind an den Rändern beispielsweise gezackt oder geschuppt. Da sich – wie bereits oben erwähnt – durch den sinkenden Einfluss der kirchlichen Macht in dieser Zeit auch die Ständeordnung der Gesellschaft und damit auch die Kleiderordnungen etwas lockern, versuchen die bürgerlichen Schichten nun auch die Mode der oberen Schichten nachzuahmen. Ein Unterschied besteht nur mehr in der Kostbarkeit der Stoffe und den reichen Verzierungen, die sich nur sehr Reiche leisten konnten.47
Die Beispiele werfen einige ausgewählte Schlaglichter auf die während des Mittelalters zahlreichen Kleidungsformen und zeigen, dass die Stile, Schnitte und Kombinationen vielfältig waren und sich stetig veränderten.
Heutzutage greifen Filme und Serien nur einzelne Elemente dieser Zeit auf und vermischen diese, so dass ein stark verallgemeinertes Bild von mittelalterlicher Mode entsteht. Als Beispiel kann das Kostüm von Emilia Clarke als ,Daenerys Targaryen‘ aus der bereits erwähnten Serie Game of Thrones dienen.

 

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Abb. 4: Game of Thrones seit 2011: S04E03: 55:00.

 

Hier wird sie in einem für das Hoch- bzw. Spätmittelalter typischen Outfit dargestellt. Neu sind allerdings der weite Beinausschnitt und der tiefe V-Ausschnitt ohne Untergewand. In den Zeiten des Mittelalters wäre dieses Kleid so jedoch sicherlich nie getragen worden. Zum einen aufgrund des hauchdünnen Stoffes, was sicherlich auch in den nördlichen Breitengraden etwas kalt gewesen wäre – zum anderen aber auch deshalb, weil eine solch freizügige Kleidung wohl doch das Maß in dieser Zeit gesprengt hätte.
Ebenso wie in aktuellen Serien oder Filmen gewinnen mittelalterliche Modeelemente aber auch auf den Laufstegen immer mehr an Bedeutung. Auf der Haute Couture 2015 in Paris präsentieren Designer wie Versace, Dior, Valentino u.a. die neue Herbstmode, die deutlich mittelalterliche Formen und Schnitte erkennen lässt. Im Folgenden sind einige Impressionen dieser ,neuen‘ Mode zu sehen, wie etwa ein Mantel von Ralph & Russo, der dem mittelalterlichen ,Nuschenmantel‘ gleicht (Abb. 5). Oder das Damenkleid von Elie Saab, das mit den weiten Hängeärmeln und der Betonung der Taille an die Damenkleidung des Hochmittelalters erinnert (Abb. 6). Ein Kleid von Valentino zeigt hingegen eine gewisse Ähnlichkeit mit der ,Zaddelmode‘ (Abb. 7). Weitere Bilder zur Haute Couture in Paris 2015 finden sich hier.

 

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Abb. 5: Ralph & Russo: Enchanted Splendour unveiled for AW 15/16. Nr.35.

 

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Abb. 6: Elie Saab: The Elie Saab Magazine. The Light of now. Nr. 07.

 

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 Abb. 7: Valentino: Haute Couture 2015 in Rom. Kollektion Herbst/ Winter 2015/2016. Nr. 46.

 

Beitrag von Nina Bethscheider

 
1 Hans Christian Andersen; Arnica Esterl (Hg.): Des Kaisers neue Kleider – Mini Esslingen 2011, S.1.
2 Vgl. Jan Keupp: Mode im Mittelalter. Darmstadt: Primus Verlag 2011, S. 11-19. Hier: S. 11/19.
3 Vgl. Peter Hilsch: Das Mittelalter – die Epoche, 3. Auflag,. Konstanz und München: UVK 2012, S. 11-17. Hier: S. 11/13.
4 Vgl. ebd. S. 11/12/13.
9 Vgl. Kay Peter Jankrift: Europa und der Orient im Mittelalter. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2007, S. 38-53. Hier: S. 42/43.
10 Jan Keupp: „Die Autorität der Äußerlichkeiten. Die Anfänge der Kleidergesetzgebung in Deutschland“, in: a.a.O. S. 20-76. Hier: S. 40.
11 Vgl. Jan Keupp: „Die Autorität der Äußerlichkeiten.Die faktische Kraft des Normativen“, in: a.a.O., S. 20-76. Hier: S. 43.
12 Vgl. Thomas Foerster; Anja Gerdemann; Wolfgang Glüber et al.: „Kunst- und Kulturgeschichte. Kunst des Mittelalters. Kirchliche Schatzkammer“. In: (Ders.): Das Hessische Landesmuseum Darmstadt. Museumsführer, 1. Auflage, Regensburg: Schnell & Steiner 2015, S. 60-71. Hier: S. 61.
13 Erika Thiel: Die Geschichte des Kostüms. Die europäische Mode von den Anfängen bis zur Gegenwart, 8.Auflage, Berlin: Henschel Kunst und Gesellschaft 1980. S. 39-43. Hier S. 39.
14 Vgl. ebd. S. 44.
15 Vgl. ebd.
16 Vgl. ebd. S. 45.
17 Vgl. ebd. S. 71.
18 Vgl. ebd. S. 76/79.
19 Vgl. Gertrud Lenning: Kleine Kostümkunde, 9. Auflage, Berlin: Schiele & Schön 1987, S. 59-63. Hier: S. 59.
20 Vgl. ebd. S. 63.
21 Vgl. ebd.
22 Vgl. Harald Brost: Kunst und Mode. Eine Kulturgeschichte vom Altertum bis heute. Stuttgart; Berlin; Köln; Mainz: W. Kohlhammer 1984, S. 69-77. Hier: S. 70.
23 Vgl. Margarete Bruns: Das Rätsel Farbe. Materie und Mythos. Stuttgart: Philipp Reclam 1997, S. 167-185. Hier: S. 175/176.
24 Vgl. Erika Thiel: „Die Tracht der Franken“, in: a.a.O. S. 85-94. Hier: S. 92.
25 Vgl. ebd.
26 Vgl. ebd.
27 Vgl. Erika Thiel: „Die Tracht des 10. und 11. Jahrhunderts“, in: a.a.O. S. 95-104. Hier: S. 95.
28 Vgl. ebd. S. 95/96.
29 Vgl. ebd. S. 96.
30 Vgl. Gertrud Lenning: „Tracht im 11.Jahrhundert. Romanik“, in: a.a.O. S. 63-68. Hier: S. 67.
31 Vgl. Margarete Bruns: „Rot — Der König. Licht vom zehnten Himmel“, in: a.a. O. S. 41-59. Hier: S. 53.
32 Vgl. Erika Thiel: „Die Mode des 12. und 13. Jahrhunderts“, in: a.a.O. S. 105-120. Hier: S. 108.
33 Vgl. ebd.
34 Vgl. ebd. S. 120.
35 Vgl. ebd.
36 Erika Thiel: „Die Mode im 14. Jahrhundert“, in: a.a.O. S.121-136. Hier: S. 121.
37 Vgl. Ulrich Lehnart: „Die Kleidung der Frau 1420-1480“. In: (Ders.): Kleidung und Waffen der Spätgotik. Teil III. 1420-1480. Wald Michelbach: Karfunkel 2005, S. 34-51. Hier: S. 34.
38 Vgl. ebd.
39 Vgl. ebd. S. 40/41.
40 Vgl. Erika Thiel: „Die Mode des 12. und 13. Jahrhunderts“, in: a.a.O. S. 105-120. Hier: S. 120.
41 Vgl. Ulrich Lehnart: „Die Kleidung der Frau 1420-1480“, in: a.a.O. S. 34-51. Hier: S. 40/42.
42 Vgl. ebd. S. 42.
43 Vgl. Gertrud Lenning: „Mode im 12. und 13. Jahrhundert. Früh- und Hochgotik“, in: a.a.O. S. 68-73. Hier: S. 73.
44 Vgl. Ulrich Lehnart: „Kostümkunde der Spätgotik 1420-1480. Die Kleidung des Mannes 1420-1480“, in: a.a.O. S. 13-33. Hier: S. 22.
45 Vgl. ebd. S. 17.
46 Vgl. Ulrich Lehnart: „Kostümkunde der Spätgotik 1420-1480. Die Zaddelmode ca. 1420-1480“, in: a.a.O. S. 13-33. Hier: S. 13.
47 Vgl. Gertrud Lenning:“Mode im 14. und 15. Jahrhundert. Spätgotik“, in: a.a.O. S. 73-85. Hier: S. 75.

 

Literaturverzeichnis:

  • Andersen, Hans Christian: Des Kaisers neue Kleider. Nacherzählt von Arnica Esterl, Esslingen: Thienemann-Esslinger 2011.
  • Brost, Harald (Hg.): Kunst und Mode. Eine Kulturgeschichte vom Altertum bis heute. Stuttgart; Berlin; Köln; Mainz: W. Kohlhammer 1984.
  • Dinzelbacher, Peter: Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Europa im frühen Mittelalter 500-1050. Eine Kultur- und Mentalitätsgeschichte. Darmstadt: Primus 2007.
  • Foerster, Thomas; Gerdemann, Anja; Glüber, Wolfgang et al. (Hg.): Das Hessische Landesmuseum Darmstadt. Museumsführer. Regensburg: Schnell & Steiner 2015.
  • Hilsch, Peter (Hg.): Das Mittelalter — die Epoche. 3. Auflage. Konstanz/ München: UVK 2012.
  • Keupp, Jan (Hg.): Mode im Mittelalter. Darmstadt: Primus 2011.
  • Lehnart, Ulrich (Hg.): Kleidung und Waffen der Spätgotik. Teil III. 1420-1480. Wald Michelbach: Karfunkel 2005.
  • Lenning, Gertrud (Hg.): Kleine Kostümkunde, 9. Auflage, Berlin: Schiele & Schön 1987.
  • Southern, Richard W. (Hg.): Kirche und Gesellschaft im Abendland des Mittelalters. Berlin: Walter de Gruyter 1975.
  • Thiel, Erika (Hg.): Die Geschichte des Kostüms. Die europäische Mode von den Anfängen bis zur Gegenwart, 8.Auflage, Berlin: Henschelverlag Kunst und Gesellschaft 1980.

 

Abbildungsverzeichnis:

  • Abb. 1: aus: Förster, Thomas; Gerdemann, Anja; Glüber, Wolfgang et al.: „Kunst- und Kulturgeschichte. Kunst des Mittelalters. Kirchliche Schatzkammer“, in: (Ders.): Das Hessische Landesmuseum Darmstadt. Museumsführer. 1. Auflage. Regensburg: Schnell & Steiner Verlag. 2015. S. 60-71. Hier S. 61.
  • Abb. 2: aus: Thomas Foerster; Anja Gerdemann; Wolfgang Glüber et al.: „Kunst- und Kulturgeschichte. Gemäldegalerie. Kunst 13. bis 16. Jahrhundert“, in: a.a.O. S. 124-135. Hier S. .
  • Abb. 3: aus: Hessisches Landesmuseum Darmstadt. Foto: Nina Bethscheider, 13.08.2015.
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